Ein Brückenbauer aus Lodz

Zahlreiche Ehrungen und Würdigungen hat der Kulturvermittler und Übersetzer Karl Dedecius in seinem Leben stets bescheiden entgegengenommen – oder vielmehr, über sich ergehen lassen. Darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1990), den Orden des weißen Adlers (1997) und im letzten Jahr den Deutschen Nationalpreis.

Karl Dedecius inmitten der Laudatoren und Preisträger am Freitagabend, 20. Mai bei der Verleihung des Karl-Dedecius-Preises für deutsche und polnische Übersetzer.

Alles Aufhebens um seine Person ist dem hochverdienten Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen eher unangenehm.

Dedecius, der von Polen respektvoll mit „profesor“ angeredet wird, wurde 1921 in Lodz, dem „Manchester des Ostens“ geboren und wuchs zweisprachig auf. Nach dem Überfall Polens wurde er in die Wehrmacht eingezogen und nach Stalingrad geschickt. In sieben Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft brachte er sich selbst die russische Sprache bei.

Ein Kaffeetrinken im kleinen Kreis ging der Preisverleihung am Abend in der Orangerie in Darmstaddt voraus. Prof. Dieter Bingen, Leiter des DPI, überreicht ein Geburtstagspräsent.

Viele Jahre arbeitete er bei der „Allianz“ – lediglich in seinen freien Stunden widmete er sich seiner Leidenschaft, dem Übersetzen, korrespondierte mit den Großen Dichtern des 20. Jahrhunderts und besorgte unverzichtbare Anthologien, die den Deutschen ihre Nachbarn im Osten näher brachten. Das änderte sich erst viele Jahre später, als das DPI realisiert wurde, dessen geistiger Vater und spiritus rector Dedecius war. Gefördert von den Ländern Rheinland-Pfalz und Hessen sowie der Stadt Darmstadt gründete er also 1979 das bekannte Deutsche Polen Institut mit Sitz auf der Mathildenhöhe, dessen Leiter er bis 1997 war. Rasch gesellte sich die Robert Bosch Stiftung als wichtiger Partner und bedeutender Geldgeber hinzu.

Auch die prominenten Gäste konnten sich über Geschenke freuen. Die neueste Anthologie Dedecius' versammelt dessen liebste Texte polnischer Sprache in deutscher Übersetzung. Gesine Schwan freut sich über ihr Exemplar von "Meine polnische Biblitohek. Literatur aus neun Jahrhunderten."

20 Jahre lang arbeitete Dedecius an der „Polnischen Bibliothek“, die in 50 Bänden im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Außerdem übersetzte er zahlreiche polnische und russische Dichter in die deutsche Sprache. Poeten wie Tadeusz Różewicz und Zbigniew Herbert widmeten ihm Gedichte. Als weiteres Hauptwerk gilt das siebenbändige „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“.

Seit 2003 verleiht die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem DPI den mit jeweils 10.000 Euro dotierten Karl-Dedecius-Preis. Im Zwei-Jahres-Turnus wird der Preis an einen deutsche und einen polnischen Übersetzer oder Übersetzerin vergeben.

Die Preisträger Esther Kinsky und Ryszard Turzcyn können sich über eine Preissumme von je 10.000 Euro freuen. Ebenso wichtig ist jedoch die Anerkennung der geleisteten Arbeit und die Wertschätzung der Tätigkeit als Übersetzer und Vermittler zwischen den Kulturen.

Die Preisverleihung findet abwechselnd in Darmstadt und Krakau statt. In diesem Jahr waren 400 geladene Gäste aus Kultur, Politik und Kunst in der Darmstädter Orangerie anwesend als Esther Kinsky und Ryszard Turczyn für ihre Verdienste ausgezeichnet wurden. Unter ihnen waren auch einige Mitglieder der DPG Mainz-Wiesbaden. Esther Kinksy ist bekannt geworden durch ihre Übersetzungen der Werke Olga Torkarczuks. Ihr polnischer Kollege Ryszard Turczyn hat bereits mehr als 150 Texte aus dem Deutschen und Niederländischen in die polnische Sprache gebracht. Darunter das Hauptwerk von Hans Meyer, besser bekannt als Jean Améry „Jenseits von Schuld und Sühne“ oder Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Seine Übersetzung von „Die Klavierspielerin“ ist bis heute das einzige Werk Jelineks, das in polnischer Sprache verfügbar ist. Sie alle brachten Karl Dedecius ein polnisches Geburtstagsständchen dar: „Sto lat“ sangen die Gäste des sichtlich gerührten Nestors polnischer Kultur in Deutschland. „Sto lat“ – einhundert Jahre möge er alt werden, der „profesor“ von der Darmstädter Mathildenhöhe.

Ein musikalisches Programm umrahmte die festliche Veranstaltung und sorgte für klangvolle Akzente.

Karl Dedecius zeigte sich an seinem 90. Geburtstag noch immer voller Tatenkraft, Humor und Begeisterung für die polnische Kultur und Poesie. Die DPG-Mainz Wiesbaden gratuliert von Herzen. Sto lat, panie profesorze!

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