„Deutsche und Polen – ewig fremde Nachbarn?“

Lebhafte Diskussionen beim 8. Osteuropa in Mainz zur Bewertung des deutsch-polnischen Verhältnisses nach 1990 / Geplantes Zentrum gegen Vertreibungen bietet noch immer Zündstoff

Am 6. Mai fand in der Alten Mensa der Johannes Gutenberg-Universität der 8. Osteuropatag statt. Die Veranstalter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bildungswerk Mainz und der Osteuropa-AG sorgten den ganzen Tag für ein bunt gemischtes Programm aus Informationsveranstaltungen, Referaten und Podiumsdiskussionen. Das vorwiegend studentische Publikume verfolgte gespannt die Vorträge. In den Pausen kam man bei Kaffe, Kuchen oder wahlweise alkohlischen Getränken rasch miteinander ins Gespräch.Von 10 bis 12 Uhr konnte sich das zunächst noch vorwiegend studentische Publikum über die Arbeit verschiedener Vereine, Initiativen und Institute informieren: so stellten sich das Deutsch-Polnische Forum, die Europauniversität Viadrina, die Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung und viele weitere vor. Hier durfte das renommierte Mainzer Polonicum nicht fehlen, an dem seit vielen Jahren Polnischintensivkurse und Sprachaufenthalte auch für Nicht-Slavisten angeboten werden. Die Osteuropa-AG, die vor 10 Jahren eigentlich als „Russland-AG“ gegründet worden war, feierte ihr Jubiläum mit einem Rückblick und „Lagebericht“ über derzeitige Aktivitäten und Pläne. Beim 8. Osteuropatag diskutierten Studenten und Profesoren über das deutsch-polnische VerhältnisAußerdem informierten Studenten und die Abteilung Internationales über Vorbereitung und Möglichkeiten eines Auslandssemesters im Land an der Weichsel. Nach der Mittagspause standen mehrere Referate und Diskussionen auf dem Programm. Dr. Paulina Jędrzejczyk bildete mit dem „ABC der polnischen Mentalität“ den Auftakt. Im Anschluss tauschten sich vier Mitglieder der Osteuropa-AG über „Das Polenbild der jungen Deutschen und das Deutschlandbild der jungen Polen“ aus. Auch die Gäste der Veranstaltung schalteten sich in das Gespräch ein.Aneta Karpińska und Alex Tyra vertraten die polnische Seite, Christian Heitzmann und Immanuel Gieschen sprachen als Deutsche. Hier war der Konsens, dass die Polen besser über die Deutschen denken als umgekehrt. Polen sei für viele Deutsche ein unbekanntes Land, die Sprachbarriere erschwere außerdem den Zugang. Außerdem, so die vielleicht unberechtigte Kritik, sei das in den Medien verbreitete Bild von Polen oft einseitig und stereotyp. Dennoch war man sich einig, dass es Deutsche in Polen leichter hätten als umgekehrt, die Bürokratie und „abweisende“ Mentalität der Deutschen mache es den Polen schwer. Wenn ein Pole fragt: „Wie geht’s?“, dann möchte er eine Geschichte hören. Ein Deutscher antwortet bloß „Gut“, verdeutlichte Aneta, die selbst einen deutschen Freund hat. Die Polen fühlten sich nicht gerade „mit offenen Armen empfangen“. Generell seien die meisten Deutschen aber äußerst positiv überrascht, wenn sie das Nachbarland bspw. im Urlaub kennenlernten. Weitere Themen der Diskussion waren Atompolitik (Polen plant den Bau eines Atomkraftwerks), die umstrittene Ostseepipeline, Erika Steinbach und die Bedeutung der EU. Insgesamt, so wurde deutlich, sehen sich die Studenten vorrangig als Europäer. Alex Tyra, der im Alter von 2 Jahren nach Deutschland gekommen ist, begreift sich etwa als „polnischen Europäer deutscher Prägung“. Eine weitere Gemeinsamkeit fanden die Studenten auch heraus: Sowohl Deutsche als auch Polen seien „notorische Nörgler“, wobei die Deutschen lieber über andere nörgelten und die Polen eher über ihre eigene Nation. Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Podiumsdiskussion am späten Nachmittag, die von hochkarätigen Experten bestritten wurde. Höhepunkt der Veranstaltung war die Podiumsdiskussion am späten Nachmittag, die sich an das Impulsreferat von Prof. Dieter Bingen (Deutsches Polen Institut Darmstadt) zum Thema „Deutschland und Polen nach 1990“ anschloss. Hier diskutierten Tomasz Badowski (Vizekonsul im Generalkonsulat der Republik Polen), Prof. Bingen, Prof. Michael Pietsch, (Vorstandsmitglied der Landsmannschaft Schlesien, Landesvorstand im Bund der Vertriebenen und Mitglied des Mainzer Stadrates) sowie Radiomoderator Elizeus Plichta (Vorstand Verband polnischer Journalisten). Es moderierte Benjamin Conrad (Universität Mainz).

In der Diskussion wurde die Angst in Westeuropa, dass durch die Arbeitsfreizügigkeit ab Mai „Horden von polnischen und tschechischen Billiglohnarbeitern“ (Prof. Bingen) über die Grenze kommen könnten, als Phantom entlarvt. Im Gegenteil: Gerade die Deutschen werden vom Zuzug der dringend benötigten, hochqualifizierten Fachkräften profitieren. Eine Gefahr bestehe vielmehr für Polen. Die Größenordung der Migrationsbewegung werde zudem in der Regel vollkommen überschätzt. Dietsch betonte: „Migration in Europa ist normal – alles andere ist altes Denken“. Prof. Bingen sagte ein Ende des derzeit ruhigen deutsch-polnischen Verhältnisses durch die anstehenden Wahlen in Polen voraus. Bereits in seinem Vortrag hatte Bingen darauf verwiesen, dass Deutschland und Polen keine „Interessenidentität“, sehr wohl aber eine „Interessensgemeinschaft“ verbinde. „Die Kurzfristigkeit der Außenpolitik bringt ein hohes Potential an Störanfälligkeit mit sich“, erklärte Bingen am Beispiel des Irakkrieges. „Gerade in Wahlkampfzeiten kann die Veränderung des Tonfalls für eine Abkühlung des Verhältnisses beider Länder sorgen“, resümierte Bingen. An Zündstoff jedenfalls mangelt es nicht, wie die mitunter sehr lebhaft geführte Diskussion zeigte. Die Umsetzung des geplanten „Zentrums gegen Vertreibungen“, das der BdV auf deutschem Boden errichten will, ist eines der Reizthemen.Die Diskussion wurde lebhaft geführt und drehte sich auch um kontroverse Themen wie das geplante "Zentrum gegen Vertreubungen". Vizekonsul Badowski (l.) im Dialog mit Prof. Bingen (DPI). „Die Vertriebenen sind keine Feinde für uns, sondern ebenfalls Opfer des durch die Nazis begonnenen Krieges“, machte Badowski den polnischen Standpunkt klar. Die Polen fürchten, dass durch eine Konzentration auf das Leid der (deutschen) Vertriebenen der Zusammenhang verwischt werde, dass der „Krieg im Westen nicht mit dem Vernichtungskrieg im Osten gleichgesetzt werden kann“, so Badowski weiter. Zudem seien die Vertreibungen ein Ergebnis der Beschlüsse der Alliierten Siegermächte, die Polen um 150 km nach Westen verschoben hätten. „Zudem fürchten die Polen eine „Opferkonkurrenz“, ergänzte Plichta. Daher sei für viele Polen der Standort des Zentrums ein Dorn im Auge. Auf polnischer Seite wurde immer wieder Breslau als Standort ins Gespräch gebracht, da die Stadt zum Zentrum der polnischen Vertriebenen aus Lemberg und den polnischen Ostgebieten wurde. Pietsch versuchte, die Opferkonkurrenz zu behaupten, indem er einen unglücklichen Vergleich zwischen der „Schuld der Polen an den Vertreibungen“ mit der Schuld der Wehrmachtssoldaten an den Erschießungen polnischer und jüdischer Zivilisten zog. Dennoch betonte Pietsch den europäischen Charakter des Zentrums gegen Vertreibungen: „Das Zentrum dient nicht der Umdeutung der Geschichte.“ Nachwuchswissenschaftler Benjamin Conrad (Universität Mainz) moderierte fachkundig die Diskussion und sorgte für eine ausgewogene Verteilung der Redeanteile.Die Person Erika Steinbach und die Forderung nach einer Entschädigung der deutschen Vertriebenen erregte nach wie vor die Gemüter auf beiden Seiten. Prof. Bingen erwies sich als fähiger Vermittler: Die Vertriebenendiskussion in Deutschland sei nie offen geführt worden und daher lange überfällig. Er bedauerte, dass der BdV die Idee eines Zentrums gegen Vertreibungen benutzt habe, „um wieder ein Thema zu haben“. Auf polnischer Seite kritisierte er die ungerechtfertigte Fokussierung der Diskussion in Form medialer Kritik an vereinzelten Personen. Bingen verdeutlichte, dass nicht der Standort des Museums ausschlaggebend sei, sondern die Konzeption der Ausstellung. Durch anerkannte und renommierte deutsche wie polnische Historiker im Beirat des geplanten Zentrums sei sichergestellt, dass eine „angemessene Kontextualisierung“ erfolge.

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