Zukunft in der „Alten Heimat“

Olaf Müller und Gernot Wolfram bearbeiten ein Thema auf sehr unterschiedliche Weise / Die Hauptfiguren finden in Polen eine neue Liebe – und zu sich selbst

Der Ansturm der „Barbaren aus dem Osten“ ist in Zeiten der Mobilisierung der Bevölkerung, der EU-Erweiterung und Globalisierung ein vielfach beschworenes Bild. Die Angst vor den fremden Nachbarn aus den Provinzen des ehemaligen Sowjetimperiums ist nicht neu und war nicht nur hierzulande, sondern auch in den baltischen und osteuropäischen Ländern zu Zeiten der Novemberrevolution (und auch später) virulent. Aus historischer Perspektive wird man zugestehen müssen, dass die Polen den Expansionsdrang ihrer Nachbarn oft schmerzhafter verspürt haben – ein Blick auf die Teilungen Polens, den Zweiten Weltkrieg und die „Entführung in den Osten“ (Kundera) mag dies bekräftigen. Doch auch die Polen haben sich in ihrer Geschichte immer wieder als Kolonisatoren versucht, ob im Baltikum oder in Moskau. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn haben sie dabei allerdings keine totalitäre Regime errichtet. Die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten fand auf polnischem Boden statt.

Ironischerweise grassiert die Furcht vor einer regelrechten Völkerwanderung vom Osten Europas in den „Goldenen Westen“ trotz allem immer wieder aufs Neue – pünktlich zu jeder Beitrittsverhandlung der Baltikumsstaaten zur EU. Ähnlich groß war die Angst der BRDler vor ihren Brüdern und Schwestern aus der DDR vor der Wiedervereinigung. Der befürchtete Einfall fremder Völkerscharen ist indes ausgeblieben. Im Gegenteil, immer wieder kann man in Anzeigenblättchen verzweifelte Gesuche lesen, in denen händeringend nach unterbezahlten Saisonkräften geforscht wird, die die Pflege der kranken Eltern übernehmen sollen. „Suche Polin“ ist dann zu lesen.

Das es auch andersherum geht, hat nicht erst Steffen Möller mit seinem nicht ganz ernst gemeinten Ratgeber für angehende Gastarbeiter in Polen bewiesen. Die deutsche Ausgabe von Polska da się lubić, hierzulande als Viva Polonia veröffentlicht, ist allerdings als eigenständiges Buch zu betrachten. Hier werden Zielgruppen gezielt abgeholt.

Auch in den deutschsprachigen Romanen der letzten Jahre wird die Möglichkeit eines Neubeginns im Nachbarland produktiv ausgesponnen. Gernot Wolfram (Samuels Reise, DVA 2005) und Olaf Müller (Schlesisches Wetter, Berlin Verlag 2003) beschreiben auf sehr unterschiedliche Weise die Reise ihrer Figuren in den Osten. Und doch gibt es erstaunliche Parallelen. Polen ist für den namenlosen Übersetzer in Müllers Roman Schlesisches Wetter ein weißer Fleck. Seine Reise nach Krakau nichts als eine Gefälligkeit, die er seiner Freundin erweist, die er gar nicht liebt. Und würde nicht deren geheimnisumwobener Vater (allzu) bereitwillig sämtliche Kosten auf sich nehmen, würde N.N. auch nicht mit dem schwer zugänglichen Samuel nach Krakau fahren, um dem berühmten polnischen Sci-Fi-Schriftsteller einen Besuch abzustatten. Den verehrt der 12-jährige Sohn der Freundin des namenlosen Erzählers nämlich besonders. Entsprechend groß ist die Hoffnung von Anna, deren schrulligem Vater Predotta und N.N., dass ein Besuch bei diesem Schriftsteller, der erkennbar Stanisław Lem nachempfunden ist, helfen könnte, einen Draht zum verschlossenen Samuel zu finden.

Auch für Alexander Schynoski (Schlesisches Wetter) sind Polen und Schlesien weiße Flecken – wenngleich von anderer Intensität. Er mag in Leipzig geboren sein. Doch seine Familie stammt aus Schlesien und gehört der Gruppe der deutschen „Heimatvertriebenen“ an. Die „alte Heimat“ ist für ihn in den Tagen seiner Kindheit in den Geschichten seiner Großmutter und in alten Fotografien noch lebendig. Diese fallen dem neugierigen Jungen in die Hände, der bald versucht, die ihm unverständlichen und bruchstückartigen Informationen zusammenzufügen. So fragt er sich, wer der Mann in der schwarzen Uniform sein mag, über den nicht gesprochen werden darf. Mehr als die Geschichten der Großmutter ist es das eiserne Schweigen der Mutter, das Schynoski prägen wird. Es ist, als hätte er bei seiner Geburt all diese unverdauten Geschichten in die Wiege gelegt bekommen. „Die entschiedenste Erinnerung an meine Kindheit besteht darin, wie man im Haus, in unserer Wohnung über die „Alte Heimat“ gesprochen hat. Großmutter erzählte, ihre Töchter assistierten. Eingebläut wurde mir allerdings, dass ich in der Schule darüber zu schweigen hätte, im Sportverein, den ich ein Jahr lang besuchte. Ohne Erfolg.“ (S. 162) Das Heimweh und das Verlangen der Flüchtlinge nach Heimat gilt in der DDR als verdächtig – und geradezu faschistisch. Bis heute haben die Relikte der NS-Propagandamaschine von der Arisierung des Ostens und die sozialistische These von der „Wiederbesiedlung urpolnischer Gebiete“ eine tiefgehende Aussöhnung der Heimatvertriebenen links und rechtsseitig der Oder verhindert.

Nach der Wende fasst Schynoski den Entschluss, etwas Neues zu beginnen. Zu verstehen. Zu berichten. Er versucht sich in Berlin als Journalist und wird mit 39 Jahren von seinem Chef in den Ruhestand geschickt. Er ist unbrauchbar. Nur aus Mitleid wird er hin und wieder für eine unbedeutende Tätigkeit aktiviert, die selbst er nicht vergeigen kann. Und in diesem Zustand treffen wir ihn, diesen überaus seltsamen Ich-Erzähler. Ein wahrer Fleischberg an Spleenigkeit und Selbstekel. Von der Welt auch auf symbolische Weise durch eine dickglasige Brille getrennt. Auf der Grenze zur Depression balancierend. „Die Kurzsichtigkeit oder das Beinaheblindsein hatte meine Aussichten, wohin auch immer, zunehmend verdunkelt.“ (S. 29f.) Es ist nicht leicht, sich in diesen Charakter hineinzufühlen, dem bereits die Vorstellung, sich ein Ziel zu setzen, zuwider ist. Es ist nicht leicht, jemanden zu mögen, der sich selbst nicht lieben kann. Der einfach dahintreibt. Oder besser gesagt: vegetiert. Die Dinge beginnen sich für den stark übergewichtigen Schynoski zu ändern, als seine Freundin Maureen, die er hasst und zugleich liebt, für einen Architektenjob nach London zieht. Man ahnt, dass er ihr und ihrer Karriere nicht folgen wird. Im Auftrag seines Chefredakteurs macht er Bekanntschaft von Witek und Beata, die für die Breslauer Ausgabe der Gazeta Wyborcza schreiben. Und nicht nur, dass sie einen Bildband über Breslau als Geschenk mitgebracht haben (das Haus der Eltern steht im ehemaligen Fürsten-Altgut, in der Nähe Wrocławs). Sie machen Schynoski auch mit den Stücken Gałczyńskis bekannt.

Was nun folgt, ist der Beginn einer schwierigen, tiefgreifenden Metamorphose. Schynoski beschließt, sein Schneckenhaus zu verlassen. Er fasst den Plan, nach Wrocław zu fahren. Doch vorher muss er Kontakt zur Vergangenheit aufnehmen. Er muss die Mutter endlich zum Reden bringen. Er muss ihre und seine eigene Vergangenheit aufarbeiten. „Bevor ich zu meiner Mutter fahren würde, wollte ich die Straße meiner Kindheit und das ausgebrannte Haus sehen. Es war nicht mehr als ein Besuch. Das half. Ich war ausgezogen,  um in der Ferne den unbequemen Anzug meiner Kindheit abzustreifen, aber nicht zurückgekommen, weil ich es etwa geschafft hätte.“ (S. 116) Die Mutter wird schließlich erzählen. Ohne Punkt und Komma. Vom Krieg. Den Lindenalleen. Dem einfachen Leben. Der Ankunft der Polen. Und dann den Lastwagen der Soldaten der Roten Armee. Der Vergewaltigung ihrer Cousine durch die Bolschewiken. Die Angst vor der Deportation nach Sibirien. Von den toten Kindern auf der Straße. „Auf mich hagelte es herab. Das Stakkato ihrer unverdauten Geschichte.“ (S. 136) Schweigen wird die Mutter hingegen von den Konzentrationslagern, von der Ermordung der europäischen Juden. Umso mehr spricht sie indes von der Rachsucht der Polen, die sogar die Kirchenbücher vernichten wollten.

So schwierig der Charakter der Hauptfigur Schynoski ist, so schwierig sind auch die Themen, an die Olaf Müller sich heranwagt. Flucht, Vertreibung, Kriegsverbrechen auf beiden Seiten, die Lügen der DDR, die unvorstellbar grausame Ermordung der Juden, die Heimat- und Rastlosigkeit der Vertriebenen durch die Beschlüsse der Konferenz in Jalta, der Irrsinn der „Festung Breslau“, die Totenkopf-SS, der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung Leipzigs, Flüchtlingszüge nach Westen und Osten, Entkommene KZ-Inhaftierte, die nur durch Raub überleben können, die Verachtung der Ossis durch die Wessis und der Polen durch die Deutschen, den Warschauer Aufstand und den vorausgehenden, verzweifelten Ghettoaufstand. Dennoch gelingt es Müller, durch eine mal heitere, mal gallige Ironie und die Flucht ins Detail, all diese schwere Fracht auf den breiten Schultern seines Protagonisten gut zu verteilen, so dass auch der Leser nicht darunter zusammenbricht. Das verdient höchste Anerkennung. Aber schließlich geht es eben nicht hauptsächlich um die Vergangenheit, sondern darum, sich von den Geistern der Vergangenheit befreien zu können. Nur das diese eben noch lange nicht gebändigt sind.

So deutlich die Ressentiments aus den Erzählungen der Mutter Schynoskis hervortreten, so gründlich lernt Schynoski auch die Vorbehalte auf polnischer Seite kennen. Bei einem Abendessen bei seinem neuen Freund Witek wirft ihm dessen Mutter ihre Familiegeschichte ebenso an den Kopf, wie seine eigene Mutter es zuvor getan hat. Provokant fordert sie ihn schließlich auf: „Sie sollten es schreiben! (…) Wie die Deutschen wieder hierherkommen. (…) Die Stadt ist voller Deutscher. Im November, im Winter fallen sie nicht auf. Aber im Sommer und erst im Sommer zählt man sie zu Tausenden. Auch wenn sie in kleinen Gruppen spazieren, könnte man denken, sie wären zu einer Demonstration nach Breslau gekommen. (…) Aber schreiben Sie auch, dass sie eine alte Polin getroffen haben, die ihr Leben in Breslau verbracht hat.  Die alte Polin hat Ihnen gesagt, dass die Deutschen wenigstens warten könnten, bis wir tot sind, wenn sie schon zurückkommen müssen.“ (S. 196f.)

Auf polnischem Boden angelangt, dauert es nicht lange, bis eine Verwandlung mit Schynoski geschieht. Diese Metamorphose verläuft in mehreren Stadien. Zunächst befällt ihn eine komisch mitanzusehende Todesangst, eine paranoide Furcht und ein Ekel vor der Fremde – Produkt all der zahlreichen Vorurteile, die ihm seit seiner Kindheit eingetrichtert wurden: „Doch während ich nach einem Ausweg suchte – was ich allein in der Redaktion von den mafiösen Zuständen in Polen gehört hatte, gelesen, vom erbarmungslosen Beute-Machen bei deutschen Touristen, von spurlosem Verschwinden -, versuchte ich, aus den aufsteigenden Begriffen einen einzufangen, welcher die Lage, in die ich mich gebracht hatte, am sichersten beschrieben hätte. Aus der Wortwolke fiel: Todesgefahr.“ (S. 172) Für ihn, der glaubt, dass er bloß mit einem Bündel Scheine wedeln muss, um ein ausgebuchtes Hotel in eines mit freien Zimmer zu verwandeln, warten einige Überraschungen. Schynoski bringt sich selbst in die absurdesten Situationen. Sein erster Eindruck von Breslau manifestiert sich in einem überdeutlichen Ekelgefühl: „Der Gestank nach Scheiße in der Bahnhofshalle. Die durchgerosteten Pfeiler der Hallenkonstruktion drohten einzuknicken.“ (S.165f.) Die Hysterie Schynoskis schlägt aber rasch um in ihr Gegenteil. Als hätte er eben diesen „Kick“ gebraucht, macht sich ein nie gekanntes Hochgefühl, eine geradezu unheimliche Euphorie im zuvor so lethargischen Schynoski breit. Endlich fühlt er sich lebendig. Nun muss er sich nur klar machen, dass er keine Zukunft hat, wenn er nicht zuvor mit der Vergangenheit abschließen kann. „Ich hatte weder vor, Ahnenforschung zu betreiben, noch irgendwas in Augenschein zu nehmen, etwa ein Dorf oder ein Haus oder einen verschollenen Grabstein, was irgendwer einmal besessen haben könnte, der nicht ich war.“ (S. 194), lügt er sich zunächst noch in die Tasche.

Aber dann führt ihn sein Weg zur Weihnachtszeit nach Fürsten-Altguth, wo er die Bekanntschaft von Agnieszka macht, die ihn mit ins Haus ihres Großvaters nimmt. Und dieses Haus erkennt er aus den Erzählungen der Großmutter wieder. Es ist ihr Haus. Wie sich herausstellt, wurde Agnieszkas Großvater, ein Händler aus Radom, ein Städter, gezwungen sich im Westen, in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ anzusiedeln, wo er ein entbehrungsreiches Leben als Kleinbauer führte. Hier spiegelt Müller die Geschichte der Bauersfamilie Schynoski, die durch die Vertreibung zu Städtern wurden, geschickt wider. Auch der Zeitpunkt der Ankunft Alexander Schynoskis ist natürlich hochsymbolisch: Der Journalist wird zum metaphorischen unerwarteten Gast, für den am Weihnachtsabend an der polnischen Tafel stets mit eingedeckt wird. In stiller Übereinkunft zieht er bei dem Großvater Agnieszkas, in die er sich verliebt, ein. Er fasst den Entschluss, die „alte Heimat“, die ihm zur neuen Heimat geworden ist, nicht wieder zu verlassen. Dass er das tut, um hier eine Zukunft aufzubauen, wird auch durch seinem Beschluss deutlich, die polnische Sprache zu lernen, die ihm doch zunächst so schwer verständlich anmutet. Nicht umsonst bezeichnet er sie zunächst als „Karussell der Zischlaute“. (S. 176) Schynoski kommt also nicht als Repatriant. Er kann die Vergangenheit begraben und begreift, dass es keine Gewinner in der Geschichte der Vertreibungen gibt, sondern nur die nackte Notwendigkeit: „Grabsteine fielen mir nicht auf. Keine deutschen Namen. Ich würde sie in der Straßenpflasterung finden können. (…) Was hätte man anderes tun sollen, als den protestantischen Friedhof aufzulösen und die Grabsteine als Pflasterung zu verwenden, wenn man gezwungen war, für die katholischen Toten Platz zu schaffen, die es nicht darauf abgesehen hatten, auf diesem Friedhof zur ewigen Ruhe gebettet werden zu werden, und die Straßen dringend zu reparieren waren? Ich habe bis jetzt nicht nach den verlorenen Grabsteinen gesucht.“ (S. 219)

Heiterer und darum im direkten Vergleich schwächer liest sich Gernot Wolframs Roman „Samuels Reise“. Die Töne, die das Buch anschlägt, sind poetischer, fantastischer als bei Müller. Es ist eine andere Welt, von der 1975 geborene Wolfram erzählt. Eine Welt, in der die Wahrscheinlichkeit und die Geschichte viel weniger präsent sind. An der an jeder Ecke die fantastischsten Begegnungen passieren. In der es vor Homosexuellen, Transvestiten, Doppelgängern und Überlebenskünstlern geradezu wimmelt. Bereits mit der Figur des 12 Jahre alten Samuels wird dem Leser deutlich gemacht, dass der Roman mit den Mitteln einer Traumlogik arbeitet und die Gesetze des Alltags hier keine Bedeutung haben. Samuel scheint zunächst ein verschlossenes, hochbegabtes Kind zu sein. Er fällt bisweilen unvermittelt in Ohnmacht und liest wie besessen die Bücher eines alten polnischen Schriftstellers, der als schwierig gilt und in Krakau wohnen soll. Die Prophezeiung Samuels, dass der Ich-Erzähler und seine Mutter Anna sich nicht lieben würden, bestätigt sich rasch und ist auch für den Leser keine Verwunderung. Nach ihrer Ankunft in Krakau verschwindet Samuel nach der „Audienz“ bei dem alten Schriftsteller. Erst danach fällt dem Ich-Erzähler, Übersetzer von Beruf, auf, dass es nur ein Doppelgänger war, mit dem sie verabredet waren. Diesen Doppelgänger hat Samuels Großvater engagiert. Da der polnische Schriftsteller im Ausland weilt, soll es der Doppelgänger Klima richten und für ein besonderes und einmaliges Erlebnis sorgen. Samuel durchschaut diesen Trick sofort und bricht daraufhin auf eigene Faust in Richtung Warschau auf. Damit gerät er aus dem Fokus des Lesers.

Die Bemühungen des Ich-Erzählers, Samuel aufzustöbern und den Ausreißer wieder einzufangen, scheinen in einem Paralleluniversum angesiedelt. Der namenlose Übersetzer, der sich auf die englische Literatur des 18. Jahrhunderts spezialisiert hat, wirkt für gewöhnlich kühl und abweisend. Unspontan. Auf polnischem Grund und Boden wird er nun in eine abenteuerliche Begegnung nach der anderen verwickelt. So soll ihm nun gerade die dubiose Doppelgängeragentur des undurchsichtigen „Klima“ bei der Suche nach Samuel helfen. Klima, der zuvor sehr glaubhaft den Doppelgänger des alten polnischen Sci-Fi Schriftstellers gegeben hatte, ist jüdischer Herkunft. Wie sich herausstellt, war er ein einst Freund von Annas Vater Predotta. Auch dessen polnische Herkunft wird somit offengelegt. In seiner Agentur gibt es auch Doppelgänger, die für ihr Publikum KZ-Insassen mimen – authentischer, als ein wahres Opfer des NS-Regime es könnte, heißt es provozierend. In all den sich entspinnenden Turbulenzen rückt das alte Leben N.N.s in die Ferne. Er kommt zunächst Klimas Angestellten Julian auf deutlich homoerotische Art nahe, anschließend der spontanen und schönen Lidia. Seine anfängliche Unruhe erstickt er in Zigaretten, Alkohol und mit Flirts, so, wie es ihm der schottische Schriftsteller Boswell vormacht, dessen schonungsloses Tagebuch er ins Deutsche zu übertragen hat. Schließlich gilt es eine Frist einzuhalten. Die Überraschung, dass die anziehende Lidia, mit der N.N. bald eine Affäre beginnt, Julians Schwester ist, teilt der Leser allerdings nicht. Auch, dass er sich von dem Zwang befreien wird, alle Fristen stets einzuhalten wie ein Roboter. Als Samuel schließlich aus eigenen Stücken wohlbehalten zurückkehrt, bleibt der Verdacht bestehen, dass der hochbegabte Junge mit seiner Flucht die unglückliche Verbindung zwischen seiner Mutter und dem Boswell-Übersetzer sabotieren will, in dem er ihnen die Augen öffnet. Mit Erfolg. Auf dem Flughafen treffen Anna, Predotta, Samuel und N.N. wieder aufeinander. Der Empfang ist kühl. Schließlich kommt es noch zu einer weiteren Begegnung: „In der sich wieder öffnenden (…) tauchte eine vertraute Gestalt auf oder, besser gesagt, der Anschein einer vertrauten Gestalt. Der rasche selbstbewusste Gang, der gedrungene Körper, das Jackett, die randlose Brille. War das Klima? Oder der aus den Staaten zurückkehrende Schriftsteller? (…) Samuel hatte den Mann auch erkannt und sah ihm nach. Als ich merkte, dass ich ihn beobachtete, erwiderte er ruhig meinen Blick.“ (S. 202f.)

Von einer schmerzhaften Metamorphose wie bei Müller ist bei Wolfram wenig zu verspüren. Die Verwandlung seines Protagonisten geschieht leichter, spielerischer. „Die Schnelligkeit, mit der sich die Dinge verwandelten, wunderte mich. Ich war als nicht sehr neugieriger Gast hergekommen und stellte nun fest, dass mein altes Leben von mir abfiel, ohne dass abzusehen war, was kommen würde. Ich wollte Lidia auf keinen Fall verlieren.“ (S. 159) Ausflüge in die Geschichte erreichen bei Wolfram nicht den Tiefgang wie bei Müller. Vage bleibende Seitenhiebe auf Lech Wałęsa oder die Ära des Sozialismus sowie einige Andeutungen über die mitunter schwierige polnisch-jüdische Geschichte, damit muss sich der Leser begnügen. Dennoch ist Müllers Roman ein fesselndes Stück Literatur von großer erzählerischer Kraft und überwältigendem Einfallsreichtum. Eine Meditation über die Wiederentdeckung des Gefühls lebendig zu sein – filgran, dicht und fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Es hat eben nur nicht so viel mit Polen zu tun, wie man erwarten könnte.

Trotz dieser Unterschiede treten die Parallelen deutlich zu Tage: Die Protagonisten beider Romane sind derangierte, ostdeutsche Männer in den mittleren Jahren. Am Rande einer Depression angelangt, haben sie den Kontakt zu sich selbst verloren. Sie sind in Passivität verfallen, einen Dämmerzustand, aus dem sie sich ohne äußeren Impuls nicht befreien können. Um die Gärung, die sich tief in ihrem Inneren vollzieht, in eine deutliche Reaktion umzusetzen, bedarf es einen Katalysators. Sie bringen ihre aktuelle Beziehung zum Scheitern, indem sie nach Polen fahren und sich dort unvermittelt neu verlieben. Die Reise in den Osten, beide Male führt sie nach Schlesien, wird dabei zu einer Reise zu sich selbst: „Die geistige Fahrt gekoppelt mit der realen ist doch eines der interessantesten philosophischen Themen, weil sie die stete Veränderung der Wahrnehmung ausdrückt“, belehrt Predotta den Ich-Erzähler in Wolframs „Samuels Reise“. Das Neue, das Fremde, das Andere zu einem Teil seiner Selbst zu machen, bietet dabei die Gelegenheit, jemand anderes zu werden. Bei Müller ist die „Alte Heimat“ bereits ein Teil der Familiengeschichte Schynoskis, bei Wolfram der des Schwiegervaters. Eine persönliche Bindung an das Land hat hingegen keiner der Charaktere. Land, Leute und Sprache sind ihnen fremd.

Beide Romane weisen eine sehr deutliche Finalstruktur auf, aus der in Form zahlreicher Vorausdeutungen auch kein Hehl gemacht wird. Vor allem Müllers „Schlesisches Wetter“ bezieht aus der Konfrontation des trägen Schynoskis mit dessen vorweggenommenen neuen Lebens in Polen Spannung. Dieses Organisationsprinzip bringt Ordnung und Struktur in die Romane – beide Autoren gehen souverän damit um.

Die Enden der Romane sind keineswegs als Happy End zu bezeichnen. Das wäre auch furchtbar unangemessen. Stattdessen wird der Leser mit einem klassischen „offenen“ Ende entlassen. Es bleibt die Perspektive auf eine aufkeimende, aber unkitschigen und sicher auch ungewissen Liebe. Aufgeschlossene polnische Helferfiguren säumen den Pfad der sich entspinnenden Selbsterkenntnis. Gerade die Selbstvergewisserung, die Authentizität ist ja das Schlüsselprinzip dieser doppelten Reisebewegung. Ein Neubeginn im doppeltcodierten Raum der „Wiedergewonnen Gebiete“ ist nicht ohne Rückschau möglich. Die Vergangenheit muss thematisiert und gleichermaßen bewusst wie mühsam aufgearbeitet werden.

Die Generation der Söhne kann aber anders mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, mit Massenmord, Flucht und Vertreibung umgehen, als die betroffene Generation der Eltern. Weil sie der Zukunft entgegenstrebt, weil die Gräuel ihnen nur in Form von Erzählungen präsent sind. In der Figur des Enkels Samuel bei Müller spielen diese deutsch-polnischen Gräben und Fallstricke scheinbar überhaupt keine Rolle mehr. Neben dem Motiv der Reise hat interessanterweise auch die Kunst einen besonderen Stellenwert. Bei Müller sind es die dramatischen Werke Gałczyńskis, bei Wolfram die immer wieder eingerückten Zitate aus dem Tagebuch des schottischen Schriftstellers Boswell. Beiden Autoren gemein ist, dass sie, jeder auf seinem Gebiet und gemessen an den Werten ihrer Epoche, unbedingt als Avantgardisten und regelrechte Draufgänger gelten müssen. Beschäftigen sich die Protagonisten zunächst noch auf deutschem Boden eher theoretisch mit deren Werken, scheinen sie auf polnischem Boden einen Teil derer Impulsivität zu verinnerlichen. Die Reise in die „Alte Heimat“, die Möglichkeit einer neuen Liebe und die Kraft des künstlerischen Wortes sind die Koordinaten eines bis dahin unbekannten Raumes, in dem sich die Figuren Müllers und Wolframs neu erfinden und schließlich über sich selbst hinauswachsen können.

Die Bücher:

Gernot Wolfram: Samuels Reise. Roman

Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2005
ISBN-13 9783421058317
Gebunden, 208 Seiten, 18,90 EUR

Müller, Olaf: Schlesisches Wetter. Roman

Berlin Verlag, Berlin 2003
ISBN 3827004438, Gebunden, 236 Seiten, 18,00 EUR

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