„Zwei Solidaritäten – ,Polenhilfe‘ (1981–1983)“

Bericht zur Buchpräsentation der Autorin Barbara Cöllen im Gespräch mit Jerzy Paetzold über die Paketaktion 1981 – 1983: „Polenhilfe – als Schmuggler für Polen unterwegs – Pomoc dla Polski. Zostali przemytnikami dla Polaków“*

Eine Veranstaltung des Mainzer Studiums generale in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden am 29.5.2017

In Konkurrenz zu einem ausgezeichneten Sommerwetter hatten sich 13 Zuhörer eingefunden, denen ein spannendes Programm geboten wurde.

Als Vorstandsmitglied der DPG Mainz-Wiesbaden begrüßte Prof. Ulmer die Organisatorin der Veranstaltung, Frau Iwona Derecka-Weber, die beiden Ehrengäste sowie die Zuhörer und stellte zunächst die beiden Akteure vor:

Frau Barbara Cöllen, geb. in Polen, Studium der Germanistik an der Universität Warschau, lebt seit 1984 in Deutschland. Sie ist tätig beim Rundfunk Deutsche Welle und vielseitig als freie Journalistin, Autorin, Herausgeberin, Moderatorin, Übersetzerin, Lehrerin und 1. Vorsitzende des bundesweiten Verbandes „Polnische Journalisten in Deutschland“ e.V.

Herr Jerzy Paetzold, in der Nähe von Danzig geboren, kam 1974 nach Deutschland und verfügt somit auch über eine polnische und eine deutsche Sicht der Ereignisse. Er wohnt in Heidelberg, arbeitet dort u.a. als regelmäßiger Übersetzer für einen Polen-Newsletter sowie mit dem Verein „Initiative Partnerschaft mit Polen e.V.“ in Heidelberg zusammen und engagiert sich für einen neuen Verein „Camera Lucida 1755 e.V.“.

Die Veranstaltung entstand durch den Wunsch, die anlässlich einer sich zuspitzenden Versorgungslage in Polen entstandene westdeutsche Paket-Hilfsaktion und deren Bedeutung für die Deutsch-Polnischen Beziehungen in Erinnerung zu bringen. Schnell fielen die vorbereitenden Recherchen von Frau Derecka-Weber auf Frau Cöllen und deren Buch. Erst bei der weiteren Vorbereitung fiel der Untertitel auf: als Schmuggler für Polen unterwegs und wir fragten uns, was wurde denn da geschmuggelt: Zigaretten, Kaffee oder? Da das Buch in Deutschland nur noch antiquarisch zu bekommen war, konnten erst später die Umstände der Schmuggelei, die sich fast wie ein Krimi lesen lassen, für die Organisatoren erhellt werden. Schließlich wurden wir noch auf einen Film aufmerksam gemacht: „Pakete der Solidarität“ von Lew Hohmann (DE/PL 2011, 45 Min).

Die polnischen Bischöfe hatten bereits 1965 mitten im kalten Krieg mit einem Brief „Bitte um Vergebung“ an die Deutsche Bischofskonferenz den ersten Schritt zu einer Annäherung gewagt, der damals in der deutschen Öffentlichkeit wenig beachtet wurde. Die Paketaktion dagegen geriet dann zu einer echten Volksbewegung in die Gegenrichtung.

Frau Cöllen begann mit Erinnerungen an die Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13.12.1981 und die nachfolgend noch zunehmend verschärfte Versorgungs- und Wirtschaftslage: Ausgang für die Paketaktion. Anlässlich des bevorstehenden 30järigen Jubiläums der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarność“ (gegründet im Sommer 1980) entstand die Idee zu einer Dokumentation zur Paketaktion. Frau Cöllen übernahm die Vorbereitung der Publikation und erlebte in Deutschland und Polen überwältigende Emotionen zu dieser Aktion. Über Kleinkinder der damaligen Zeit in Polen entstand der Begriff „Milupa-Generation“. Ihr Buch habe sie speziell für Jugendliche zusammengestellt, um die Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements und der Solidarität zu vermitteln, zugleich aber auch als Dank für die Menschen, die dort mitgewirkt hatten. Bei Veranstaltungen in Schulen versuche sie, Jugendliche zum Nachforschen über die damaligen Vorgänge zu motivieren und auf die Bedeutung des Handelns einer Zivilgesellschaft in Krisen- und Notsituationen hinzuweisen.

Die Paketaktion hätte einen großen Beitrag zur Veränderung gegenseitiger Wahrnehmung der Polen und Deutschen nach dem 2. Weltkrieg geliefert und durch zahlreiche Begegnungen maßgeblich zu Versöhnungsarbeit und Partnerschaften auf allen Ebenen geführt. Dabei hätte auch das Gefühl der Empfänger mitgespielt: Da denkt jemand an uns, wir sind nicht alleine in unserer Not, und dies gilt auch für individuelle Geldspenden.

Während viele westdeutsche Politiker sich zunächst öffentlich zur Situation in Polen zurückhielten, galt dies nicht für Norbert Blüm und den Postminister Schwarz-Schilling. Neben zahlreichen Institutionen (z. B. DGB) beteiligten sich viele westdeutsche Bürger mit Einzelaktionen, bei denen oft ein christliches Menschenbild mitgeschwungen hätte. Bei ihren Befragungen westdeutscher Bürger wurden immer wieder auch Erinnerungen an Care-Pakete in der Nachkriegszeit aus den USA als Motiv für die neue Hilfsbereitschaft gegenüber Polen genannt.

Zum Schluss ging Frau Cöllen auf die Schmuggelware ein, die mit viel Einfallsreichtum nach Polen vor allem für die Unterstützung der „Solidarność“ und Untergrundverlage transportiert wurden – neben Geld u.a. Druckmaschinen, Papier, Elektronik-Teile für „Solidarność“-Sender usw. –, geschmuggelt wurden aber auch Ideen, neue Gerüche und Geschmäcke.

Bei dem temperamentvollen Vortrag von Frau Cöllen konnte Herr Paetzold etliche Fragen an sie einbringen, mehrere seiner Fragen waren aber schon beantwortet, bevor er sie stellen konnte.

In der halbstündigen Diskussion wurden auch mehre Fragen vom Publikum gestellt, u.a. zur parallelen Paketaktion der DDR und zur Rigidität der Grenzkontrollen. Nur wenige Schmuggler wurden an der Grenze gefasst und auch verurteilt. An der Grenze zu Polen überließen die DDR-Behörden den polnischen Grenzbeamten die Kontrolle.

Ausführlich wurde über die Erklärung der Bundesregierung vom 14. Januar 1982 als ein öffentliches Signal zum Handeln eingegangen.

Eine zweite, überarbeitete Auflage des Buches, das sich wiederum bevorzugt an die Jugend wenden soll, wird vorbereitet – geplante Erscheinung im 1. Quartal 2018. Ferner ist ein Buch über die parallele Paketaktion der DDR vorgesehen.

Der Veranstaltung schloss sich ein Nachtreffen in der Gaststätte Baron an; beide Akteure standen mehreren Teilnehmern bei herrlichem Sommerwetter für anregende Gespräche bis 22:30 Uhr zur Verfügung.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und mit herzlichem Dank an B. Cöllen und J. Paetzold.

* Zweisprachiges Buch: Polenhilfe – als Schmuggler für Polen unterwegs –  Pomoc dla Polski. Zostali przemytnikami dla Polaków“. Taschenbuch, 268 Seiten, Verlag ATUT, Wrocław/Breslau, 2012.

H.-V. Ulmer (31.5.2017)

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