Zeitzeuge aus Drohobycz

Geiger und Sänger Alfred Schreyer in der Galerie Pokusa

Geiger und Sänger Alfred Schreyer in der Galerie Pokusa

Am 4. März besuchte der Überlebende mehrerer nationalsozialistischer Arbeits- und Vernichtungslager, Alfred Schreyer, die Galerie Pokusa in Wiesbaden. Schreyer, der letzte überlebende Kunstschüler des lange in Vergessenheit geratenen Malers und Schriftstellers Bruno Schulz („Die Zimtläden“), der bis zum Überfall auf Polen im heute ukrainischen Drohobycz als Kunstlehrer tätig war, berichtete über ein oft schwieriges Leben, die Freude an der Musik und die Gräueltaten der SS.

Tomasz Horyd im Gespräch mit Alfred Schreyer (v.l.)

Tomasz Horyd im Gespräch mit Alfred Schreyer (v.l.)

Obwohl Schreyer, dem seine Fähigkeiten als Geiger und Sänger am Ende des Krieges das Leben retten sollten, die Ermordung seiner Familienmitglieder miterleben musste (Die Nationalsozialisten erschossen, ohne daraus ein Geheimnis zu machen, mehr als 10.000 Juden im nahegelegenen Forst), spürt Schreyer keinen Hass auf die Deutschen. „Sonst würde ich wohl nicht mehr leben“, erklärte der Musiker. Trotzdem berichtete er von dem, was sich heutige Generationen kaum vorstellen können: „Aktionen“ der SS in Drohobycz und den besetzten polnischen Gebieten, willkürlichen Morden, davon, wie die jüdische Bevölkerung immer wieder zusammengetrieben und wie Vieh auf LKWs verladen wurden, die einige Stunden leer ins Dorf zurückkehrten.

Polskie Tango: Alfred Schreyer ist auch im hohen Alter ein virtuoser Sänger

Polskie Tango: Alfred Schreyer ist auch im hohen Alter ein virtuoser Sänger

Die Galeria Pokusa war bis auf den letzten Platz gefüllt, überfüllt sogar – Gäste der Veranstaltung, die später kamen, mussten mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Entschädigt wurden sie mit den konzentrierten und bewegenden Schilderungen Schreyers, der auch vom heutigen Leben in der nunmehr ukrainischen Stadt Drohobycz berichtete, die mit dem Ort seiner Jugend und Kindheit kaum noch etwas gemein hat. Auch Bruno Schulz, der von einem SS-Mann grundlos auf offener Straße hingerichtet wurde, sei in seiner Heimatstadt in Vergessenheit geraten.

Zum Abschied eines denkwürdigen und hochemotionalen Abends, der allen Teilnehmern sicher in Erinnerung bleiben wird, trug Alfred Schreyer zwei Lieder vor, darunter einen polnischen Tango.

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