Flucht, Vertreibung und Neuanfang

Benjamin Conrad

Referent Benjamin Conrad (Universität Mainz)

Nachwuchswissenschaftler und Osteuropaexperte Benjamin Conrad (Universität Mainz) referierte am 14. November in Kooperation von DPG und Studium generale über das Thema: „Zwischen Stalin, Staatsräson und Nostalgie. Die polnischen Heimatvertriebenen und Umsiedler.“ Die Veranstaltung im ehemaligen Fakultätssaal im Obergeschoss des Philosophicums der Johannes Gutenberg-Universität traf einen Nerv: Da die Sitzplätze nicht ausreichten, standen Zuhörer in „der zweiten Reihe“ oder machten es sich auf dem Fußboden so bequem wie möglich. Anschaulich und gewürzt mit neuen Erkenntnissen zur polnischen und europäischen Geschichte ging Conrad der Frage nach, vor welchen politischen Hintergründen die Umsiedlungen, Ausweisungen und Vertreibungen im 20. Jahrhundert im polnischen Staat stattfanden. Unterstützt durch eine Powerpointpräsentation führte Conrad durch ein Jahrhundert der Umbrüche. Sechs Kapitel vertieften unterschiedliche Schwerpunkte wie etwa „Polens Ostgrenze ab 1945“, „Vertreibung der Polen 1939 bis 1945“, „Entstehungsgeschichte der polnischen Westgrenze“. Conrad scheute sich nicht davor, auch „heiße Eisen“ anzupacken und etwa Unterschiede zwischen den deutschen und den polnischen Heimatvertriebenen zu analysieren oder auf die Themen Reiseverbote, Deportationen und Unterdrückungsmaßnahmen einzugehen. Hier zeigte sich, dass die internationale Osteuropaforschung im vereinten Europa dank Reisefreiheit und multilateraler Abkommen in den letzten Jahren immense Fortschritte gemacht hat. Beeindruckend war ebenfalls zu sehen,  welch immense Bedeutung dem Generationenwechsel zukommt: Statt auf direkte,  subjektive Erfahrung von Flucht, Vertreibung und politischen Spannungen zurückzugreifen, ist Conrads Generation vielmehr in einem vereinten Europa aufgewachsen und somit oft freier von alten Feinbildern und Stereotypen: Es ist nicht übertrieben, ihn als einen Vertreter einer neuen Generation von Europäern zu begreifen, die um ein vielfaches leichter einen unverstellten Blick auf die europäische Geschichte einnehmen können.

Viele Zuhörer: Der ehemalige Fakultätssaal bot kaum ausreichend Platz für die vielen interessierten Gäste

Durch die Westverschiebung des polnischen Staates, so referierte Conrad, wurden nach 1945 rund 70 Prozent der nun in UdSSR-Gebiet lebenden Polen gezwungen, ihre Heimat aufzugeben. Zumeist wurden sie in den ehemaligen deutschen Gebieten angesiedelt. „Die Machthaber der Volksrepublik sprachen von einer ‚Reptatriierung‘, vielmehr war es aber so, dass die Menschen in ein neues, fremdes Land  zwangsangesiedelt wurden“, erläuterte Conrad. Rund 1,5 Millionen Polen in den ehemaligen Ostgebieten verloren so bis in die 50er Jahre ihre Heimat.

Mit dem Thema Flucht und Vertreibung hatte die DPG offenbar einen Nerv getroffen

Währenddessen wurden eine halbe Millionen Litauer, Ukrainer und Weißrussen in die UdSSR umgesiedelt. Conrad kam auch auf das Schicksal der in Polen verbliebenen Reichsbürger zu sprechen und überraschte mit den nunmehr bekannten Ergebnissen der verfälschten Volksabstimmung von 1946. Auf diese hin wurde das einstige deutsche Territorium dem polnischen Staatsgebiet angegliedert. Statt der angeblichen 91 Prozent hatten damals lediglich 67 Prozent der Bevölkerung für die Annektierung des Gebietes gestimmt. Conrad zeigte, dass vor allem die kaschubische sowie oberschlesische Bevölkerung und die Bewohner der neuen Ostgebiete größtenteils gegen diese Maßnahme stimmte, während die Bewohner der großen Städte sowie der großpolnischen Gebiete einen Anschluss des Gebietes zum polnischen Staat befürworteten.

Die Resonanz auf den Vortrag war groß: Es entstand eine lebhafte Diskussion

Auf großes Interesse stießen auch Conrads Ausführungen über die polnische Minderheit in der heutigen Ukraine sowie Litauen, wo Minderheitsrechte auch heute noch wesentlich restriktiver gehandhabt werden als in der polnischen Republik. Mindestens 700.000 Polen leben heute in den einstigen Ostgebieten.

Vielen Zuhörern brannte es auf der Seele, eigene Erfahrungen zum Thema beizusteuern

Im Anschluss an den von den Zuhörern mehrfach gelobten Vortrag gab es den großen Wunsch nach einer ausgedehnten Diskussion. Zahlreiche Zuhörer ergriffen das Wort und steuerten, durchaus kontrovers, eigene Erfahrungen und Beobachtungen bei, etwa zum Schicksal der in Polen verbliebenen Reichsbürger, zur polnischen Minderheit in Lemberg oder heutigen Städtepartnerschaften oder Vertreibenenverbänden. Auch für Rückfragen gab es ausreichend Gelegenheit. Viele Teilnehmer folgten der Einladung von Iwona Derecka-Weber (DPG Mainz-Wiesbaden und langjährige Lehrkraft am Mainzer Polonicum), die die Veranstaltung organisiert hatte, die Diskussion im „Baron“ fortzusetzen. Besonders erfreulich war auch, dass die DPG durch den Vortrag zwei neue Mitglieder gewinnen konnte.

Osteuropaforscher Benjamin Conrad hat am Mainzer Polonicum erste Sprachkenntnisse gesammelt

Unermüdliche Einsatzbereitschaft für die polnisch-deutsche Sache: Organisatorin Iwona Derecka-Weber

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