18. Deutsch-Polnisches Jugendforum in Heppenheim

Lesung und Gespräch mit Schriftsteller Artur Becker und Manfred Mack (DPI) unter dem Titel „Annäherungen an Czesław Miłosz“ waren kultureller Höhepunkt der zweitägigen Veranstaltung

Artur Becker und Manfred Mack bei der Lesung und Gespräch über Czeslaw Milosz am Aschermittwoch in Heppenheim

Bereits zum dritten Mal war das Haus am Maiberg (Akademie für politische und soziale Bildung) in Heppenheim Veranstaltungsort für das Deutsch-Polnische-Jugendforum. Organisiert wurde die Begegnung vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk und dem Hessischen Jugendring. Am Mittwoch, 9. und Donnerstag, 10. März, kamen in Heppenheim Lehrer, Pädagogen und Fachkräfte der Jugendarbeit aus Polen und Deutschland zusammen. Die meisten Gäste stammten aus Wielko-Polska und dem hessischen Raum. Das Forum dient als Plattform für Fachkräfte aus der Jugendarbeit, den Jugendverbänden, der Schule, den Städte- und Kreispartnerschaften, den Partnerschaftsvereinen und der außerschulischen Bildung und bietet neben der Diskussion auch stets die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, sich auszutauschen oder gemeinsame Projekte anzustoßen.

1990, das Paradox von objektiven Erfolgen und subjektiv empfundenen Enttäuschungen bzw. fehlendem Bewusstsein für die demokratischen Errungenschaften. Kultureller Höhepunkt war zweifelsohne die Lesung und das Gespräch von Artur Becker und Manfreck Mack (DPI Darmstadt). Rund 60 Gäste verfolgten den spannenden und anekdotenreichen Vortrag unter dem Titel „100 Jahre Czesław Miłosz“, der als Beitrag zum derzeit laufenden Miłoszjahr abgehalten wurde. Neben packenden Anekdoten zu Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers wurden auch einige seiner Gedichte in polnischer und deutscher Sprache vorgetragen. Die Diskussion um Themen und Aktualität des Werkes des in Litauen geborenen „Dichters des Jahrhunderts“ war so packend, dass Becker, der neben seinem neuesten Roman „Der Lippenstift meiner Mutter“ auch eigene Lyrikbände im Gepäck hatte, gar nicht mehr dazu kam, seine eigenen sprachlichen Kunstwerke vorzustellen. Lediglich das Gedicht „In der Kopernikusstraße“ aus dem Gedichtband „Ein Kiosk mit elf Millionen Nächten“ konnte er seinen gebannt lauschenden Zuhörern zu Gehör bringen. Gerade die metaphysischen Akzente in Miłoszs Werk haben es Becker angetan. Kaum ein deutschsprachiger Gegenwartsdichter hat sich in seinem Werk so intensiv mit dem „Katastrophisten“ Miłosz auseinandergesetzt wie Becker. Der Chamisso-Preisträger thematisiert den polnisch-litauischen Exildichter in vielen seiner Romane, Essays und Gedichten auf und gilt als Miłosz-Experte, wie Diskussionspartner Manfred Mack vom Deutschen Polen Institut Darmstadt den Zuhörern versichern konnte:

Artur Becker und Manfred Mack führten nicht einfach nur in Leben und Werk des Literaturnobelpreistägers ein, zahlreiche unterhaltsame Anekdoten verliehen dem Abend Würze.

„Czesław Miłsoz spielt in Artur Beckers Leben eine besondere Rolle.“ Dabei verdeutlichten sowohl Mack als auch Becker, dass vor der Verleihung des Literaturnobelpreises (1980) Miłosz auch in Polen noch ein „großer Unbekannter“ gewesen sei – gekannt und beachtet lediglich von wenigen Oppositionellen wie Adam Michnik und jungen Schriftstellern. Diese zeigten sich von Miłoszs Entwicklung vom „Flirt mit dem Kommunismus“ bis zum Entstehen der Großessays wie „Zniewolony umyśl“ (Verführtes Denken) beeindruckt. Becker lobte das Vorwort Karl Jaspers in der deutschen Übersetzung und strich den Stellenwert des Buches als „Bibel der Dissidenten“ hervor – das noch heute in fast allen totalitären Regimen gelesen werde. Trotz seiner Veröffentlichungen beim Exilverlag KULTURA wurde Miłosz von vielen bis in die 70er Jahre hinein in erster Linie als Übersetzer von Zbiginiew Herbert ins Englische wahrgenommen und nicht als „Erster der polnischen Dichter des 20. Jahrhunderts“, wie es später heißen würde.

Als besonders unterhaltsam stellten sich die zahlreichen Anekdoten heraus, die Becker mit im Gepäck hatte. Er berichtete davon, wie er einmal als junger Schriftsteller Miłosz einen Brief geschickt hatte. Beigefügt war ein Gedicht Beckers, das einen Spaziergang Miłoszs mit dessen Bruder thematisiert. Miłoszs Antwort kam prompt: Gerade den jungen Dichtern fehle so häufig die Kraft zum einfachen Schreiben! Beigelegt war Miłosz Gedicht „The hours“. Zornig dachte sich Becker: „Einfach Schreiben? Das musst ausgerechnet Du mir sagen!“ – zu Herzen hat er sich die Worte dennoch genommen. Becker berichtete vom schwierigen Verhältnis des Dichters zu Deutschland. Er habe sich auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 2000 sichtlich unwohl gefühlt. Zeit seines Lebens habe er Deutschland gemieden, was vor der Erfahrung der Kriegsverbrechen und des Naziterrors verständlich sei.

Eine andere Anekdote drehte sich um die Miłoszverse auf dem Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter von 1970. Miłosz soll sich für diese Verse im Nachhinein geschämt haben, die doch nichts von ihrer Poesie und Kraft eingebüßt haben, wie der Vortrag zeigte. Auch von seinen Romanen habe Miłosz später Abstand genommen – vermutlich, weil er nach polnischer Tradition in der Lyrik die Königsklasse der Dichtung gesehen habe. Becker gab zu bedenken, dass diese fixe Idee auch heute noch in vielen Köpfen fest verankert sei. Er selbst habe sich allerdings von dieser Vorstellung gelöst und versuche mit seinen Romanen zu beweisen, dass die Prosa neben ihrem Unterhaltungswert ebenso in die Tiefe gehen könne.

Manfred Mack stellte Becker die Frage, weshalb es sich heute noch lohne, Miłosz zu lesen? Die Antwort Beckers war deutlich: Miłosz sei ein „Türöffner mit großen europäischen Wurzeln“, dem als Zeitzeuge des gesamten 20. Jahrhunderts inklusive Warschauer Aufstand und Aufstieg und Fall des Sowjetimperiums eine enorme Bedeutung zukomme. „Als Katastrophist hat Miłosz sich intensiv mit dem Aufstieg und Fall der Reiche, der Menschen und des Universums beschäftigt“, kommentierte Becker auch die metaphysischen Bezüge in Miłoszs Werk. So sei sein Naturbegriff geradezu „häretisch“: die Grausamkeit und Gleichgültigkeit der Natur bei Miłosz zeige, wie sehr er von manichäischen und gnostischen Ideen beeinflusst gewesen sei. Auch Manfred Mack sparte nicht mit lobenden Worten für Miłosz und legte den Gästen unter anderem „Mein ABC“ ans Herz. Für Manfred Mack ist es vor allem die „Authentizität“, die Miłoszs Leser beeindrucke. So habe Miłosz in seinem französischen und später US-amerikanischen Exil „nicht für, sondern gegen sein westliches Publikum angeschrieben“. Und auch mit seinen jüngeren Kollegen, die nach 1989 debütierten, ging Miłosz hart ins Gericht: Die meisten von ihnen würden sich blindlings dem westlichen Mainstream ergeben. In der Literatur dürften solche Masken, wie sie jeder Dichter tragen müsse, allerdings niemals das Eigene verdecken.

Zahlreiche weitere Anekdoten über Miłoszs Treffen mit Albert Einstein und seinem Verwandten Oscar de Miłosz, über die Abenteuer von Beckers Großmutter Frankowskas im G.G. Warschau oder über den Dichter Joseph Brodsky, der mit Vorliebe seine Zigarettenstummel in Blumenkübeln auszudrücken pflegte, wurden an diesem Abend mit den Zuhörern geteilt. Unter ihnen auch Jerzy Andrzejewskis „Theorie des letzten Złoty“.

An lyrischen Beitragen erwartete das Publikum die Gedichte: „Der Fluss“, und „Campo die Fiori“ sowie das berühmte Vorwort aus Miłosz Gedichtband „Ucalenie“ (Rettung) in deutscher Übertragung und teilweise im polnischen Original – im Wechsel von Mack und Becker vorgetragen. Manfred Mack verwies auf die Schwierigkeiten, Miłoszs Verse in Deutsche zu übersetzen: „Miłoszs Verse klingen im Deutschen furchtbar pathetisch – das ist im Original ganz anders.“ Übersetzungen, die immer nur einen schmalen Auszug aus Miłoszs Werk abbilden, liegen von Karl Dedecius und Doreen Daume vor. In seinem Lyrikband „Ein Kiosk mit elf Millionen Nächten“ wagt sich auch Becker an Miłoszs Verse heran. Für alle jene, die dem Polnischen nicht nahezu perfekt mächtig sind, führt der Weg zu Miłoszs Lyrik auch noch im Jahr des 100. Geburtstages des Literaturnobelpreisträgers über die Englischen Übersetzungen.

Hauptgegenstand des Forums waren aber natürlich die Workshops: großes Interesse brachten die Teilnehmer den Fördermöglichkeiten und inhaltlichen Anregungen für Austauschprojekte entgegen. Gleichzeitig berichteten die Teilnehmenden von oftmals schwierigen Rahmenbedingungen in der Schule oder im Verein. Neben den Finanzierungsproblemen macht die immense Arbeitsbelastung den Organisatoren zu schaffen, die zumeist ehrenamtlich tätig sind. Mangelndes Interesse der Kollegen und der Elternschaft trägt mitunter zur Frustration der Teilnehmer bei.

Diskutiert wurden zudem Ansätze von interkulturellem Lernen und die Möglichkeit, sich von der Festschreibung deutscher und polnischer Identität in Form von Stereotypen zu distanzieren. Ein Praxistest sollte dabei helfen, Vielfalt während einer Jugendbegegnung sichtbar zu machen und das Rollendenken in der Form „deutsche Gruppe und polnische Gruppe“ aufzubrechen. Darüber hinaus wurden Methoden der Sprachanimation zum spielerischen Umgang mit Sprachen erprobt. Ziel hierbei war es, Sprachhemmnisse zu überwinden und die Gruppendynamik zu fördern. Auch Angebote der Gedenkstättenpädagogik, u.a. in der KZ-Gedenkstätte Osthofen wurden diskutiert.

Chamisso-Preisträger Artur Becker konnte zahlreiche Anekdoten und Geschichten zu Leben und Werk von Czeslaw Milosz beisteuern.

Mit etwa 60 Besuchern war die Lesung sehr gut besucht. Kein Platz blieb unbesetzt im Haus am Maiberg in Heppenheim

Die schwierigen Bemühungen zur Förderung des polnischen Sprachunterrichts an deutschen Schulen war ebenfalls eines der Dauerthemen. Obwohl laut EU-Förderaufträgen die Rahmenbedingungen für einen Sprachunterricht günstig sind, gibt es bei der praktischen Umsetzung noch immer immense Schwierigkeiten. Ein Punkt dabei ist die Frage: Polnisch für wen? Soll sich der Unterricht an Kinder von Einwandererfamilien richten, die über Vorkenntnisse verfügen oder an die Allgemeinheit? Obwohl das DPI mit Herausgabe des ersten Polnisch-Lehrbuches für Schulen die Grundlage für einen Schulunterricht legte, ist man der Umsetzung kaum einen Schritt näher gekommen. Die Anerkennung der Lehrqualifikation für den Polnischunterricht ist nämlich ein weiteres Streitthema. So wird es vermutlich noch für die nächsten Jahre eine Ausnahmeerscheinung bleiben, dass eine Schülerin des Elisabethen-Gymnasiums in Frankfurt im Abitur ihre Polnischkenntnisse einbringen kann.

Auch Manfred Mack trug mit viel Ausdruck Lyrik des Literaturnobelpreisträger vor. Darüber hinaus problematisierte er die Schwierigkeit, dessen polnischsprachigen Gedichte ins Deutsche zu übertragen.

Auch nach der Lesung gab es die Möglichkeit zur Diskussion. Im Weinkeller saß man bis in die Nacht zusammen.

Am Donnerstag gegen 14 Uhr referierte der neue Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaften, Dietmar Nietan, über das Thema „1991 bis 2011 – Vom Freundschaftsvertrag zur ersten polnischen EU-Ratspräsidentschaft“. Diesem Referat schloss sich ein Gespräch an. Die Diskussion drehte sich hierbei um den Stand der deutsch-polnischen Beziehungen. Hier ist für den Zeitraum der letzen 20 Jahre eine Entwicklung zu einer „erwachsenen Partnerschaft“ zu erkennen, in dem auch „Aufreger“ wie etwa um Erika Steinbach bloß Makulatur sind. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, sondern ist mit Hinblick auf „die schwierigen und asymmetrischen Beziehungen seit dem 18. Jahrhundert als großer Erfolg zu verbuchen“, wie Stephan Schwieren (Haus am Maiberg) zusammenfasste.

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