Rezension zur 1. deutschsprachigen Ausgabe von Arkady Fiedlers „Staffel 303“

Arkady Fiedler: Staffel 303. Die polnischen Jagdflieger in der Luftschlacht um England.

Als der Weltenbummler und Abenteuer Arkady Fiedler von September bis Oktober 1940 seine patriotische Reportage „Dywizjon 303“ schrieb, hatte er sicherlich nicht vor Augen, dass dies schon bald sein berühmtester Text werden würde. Seine leidenschaftliche Beschreibung des kriegsentscheidenden Luftkampfes um England wurde vielleicht nicht zu einem Best-, sehr wohl aber einem Steadyseller, der viele Auflagen erlebte. In seiner vor Pathos strotzenden Reportage setzt er der bereits damals zur Legende gewordenen Division 303 Kościuszko – eine der beiden polnischen Jagdfliegerstaffen, die an der battle of Britain auf englischer Seite beteiligt waren – ein kraftvolles literarisches Denkmal. Die übrigen 145 polnischen Jagdflieger wurden auf die britischen Flugstaffeln verteilt. Ganz sicher ist dem Oberleutnant Fiedler als Beobachter jener kritischen Phase des Zweiten Weltkriegs, in der den Nazitruppen noch der Nimbus der Unbesiegbarkeit anhaftete, nicht einen Augenblick auf die Idee verfallen, sein Buch würde in absehbarer Zeit auch in deutscher Sprache erscheinen. Er sollte Recht behalten. Auch zu Zeiten des Untergrundstaates und während der darauffolgenden sozialistischen Diktatur wurde „Dywizjon 303“ aber immer wieder im Polnischen Orginal neu aufgelegt. Kurz nach seinem Erscheinen wurde sein Buch ins Englische, später auch in weitere Sprachen übersetzt. Lange Zeit wurde dabei wohlweislich gerade das letzte Kapitel unterschlagen, in dem Fiedler Stellung zur polnischen Exilregierung nimmt – deren Flucht nach Frankreich und England er selbst mitverfolgen konnte – und ausdrücklich vor dem sozialistischen Imperialismus warnt.

Jarosław Ziółkowski ist es  zu verdanken, dass nun, nach 70 Jahren, eine von ihm besorgte deutsche Übersetzung erschienen ist. Ziółkowski ging sogar noch weiter und gründete eigens den Verlag „Staffel 303“ und kümmert sich höchstpersönlich um den Vertrieb des Buches. Wer weiß, wie lange es ansonsten gedauert hätte, das deutsche Publikum mit dieser Veröffentlichung bekannt zu machen? Es ist nicht Ziółkowskis erste Pioniereistung in dieser Richtung: Der gebürtige Danziger lebt seit den 80er Jahren in Bochum. Er übersetzt in beide Richtungen, und das mit beeindruckender Wortgewandheit. Ins Polnische hat er u.a. den von Hans Magnus Enzensberger geförderten Autoren Christoph Ransmayr übertragen. Die Robert Bosch Stiftung sprach ihm für seine 2003 erschienene Übersetzung von Marcel Beyers „Flughunde“ („Latające psy“) den Übersetzerpreis des Jahres 2000 zu.

Fiedlers Werk entstand innerhalb weniger Wochen während eines Sonderurlaubs des eigentlich in Schottland stationierten schreibenden Oberleutnants. Während des Höhepunktes der Luftangriffe auf England im September 1940, die eine Invasion der Insel durch die Wehrmacht ermöglichen sollte, lebte Fiedler unter den verbissenen Kampfpiloten, sammelte die Geschichten der polnischen Männer, rekonstruierte ihre waghalsigen (und doch nur wenige Minuten dauernden) Gefechte, trank mit den Piloten und freundete sich sogar mit ihnen an. Sein Buch ist eine Absonderlichkeit, eine vielköpfige Hydra. Militärtaktische Gefechtsanalyse, zorniges Pamphlet gegen die satanischen deutschen Imperialisten, glorifiziernde Heldensage der effektivsten Luftkampftruppe der R.A.F. (Royal Air Force), eine wahre Ikone der Emphasis und des Pathos. Aber es ist auch mehr. Staffel 303 übt einen eigentümlichen und schwer zu beschreibenden Reiz aus. Trotz der unverholenen Schwarz-Weiß-Färbung der Kriegsparteien und einem Hang zur Glorifizierung der polnischen Piloten, trotz und aufgrund der unzähligen Tiermetaphern und –vergleiche, die die Gewalten des mechanischen Tötens in die Sphäre des Natürlichen überführen wollen: Wer verstehen will, wie sich der Krieg aus polnischer Perspektive im Cockpit einer britischen Hurricane anfühlte, der muss zu diesem Buch greifen. Fiedler geht es um Unmittelbarkeit, um Plastizität und um persönliche Schicksale, die er mit großem literarischen Geschick zeichnet. Aus seiner Parteilichkeit sollte man ihm keinen Vorwurf machen. Seine deutliche Verurteilung des Bombenkrieges und der Expansiongelüste des vermeintlich tausendjährigen Reiches können aus historischer Perspektive keinen Makel darstellen. Auch heute noch trägt gerade dieser Hang zum Pathetischen, zur starken Shilouette, dazu bei, ein lebendiges Bild von den Wochen des Luftkrieges über England zu zeichnen. Insbesondere die Rolle der polnischen Jagdflieger der Dywizjon 303 steht dabei natürlich im Mittelpunkt. Neben den aufschlussreichen Beschreibungen kommt Fiedlers Buch auch als Zeitdokument Bedeutung zu. Dass die deutschen Leser endlich zu diesem rundherum empfehlenswerten Buch greifen können, ist allein der Tatkraft Jarosław Ziółkowskis zu verdanken. Ziółkowski hat nicht bloß Fiedlers Werk übersetzt und herausgegeben. In seinem Vorwort rekonstruiert er kurz und bündig die Geschichte des Buches und seiner Auflagen. Zudem liefert er einen wertvollen Überblick über die Bedeutung der polnischen Truppen, die auf Seiten der Alliierten auch lange nach dem Überfall Polens gegen Hitlers Truppen kämpften. Es ist zu hoffen, dass dies dazu beiträgt, mit den ewig unwahren Vorurteilen aufzuräumen, die der NS-Propaganda entstammen, und die man auch heute noch immer wieder zu hören bekommt. Mit nichts als Pferden haben die rückständigen Polen sich den Panzern der Wehrmacht entgegengeworfen, heißt es bspw. immer wieder; ein Versuch, die Polen als rückständig und unterlegen darzustellen und den niemals ermüdeten Widerstand gegen die Besatzer und den hohen Blutzoll zu degradieren, den das polnische Volk im von den Deutschen aufgezwungenen Vernichtungskrieg erleiden musste. Ein Anhang mit 21 Farbfotografien rundet den 2010 erschienen Band ab.

Auch die WELT lobte übrigens die deutsche Übersetzung des Buches in ihrer Rezension vom August 2010. Allerdings wird dort fälschlicherweise behauptet, in der Staffel 303 wären mehrere tschechische Piloten geflogen. Nur ein Tscheche war allerdings darunter, dessen Charakter und Schicksal von Fiedler jedoch sehr genau ausgeleuchtet wird:

http://www.welt.de/kultur/article9053612/So-mutig-kaempften-die-Polen-gegen-die-Luftwaffe.html

Das Buch: Leinenband mit Schutzumschlag, ca. 23 x 17 cm groß, 176 Seiten, 62 Fotos – davon 22 in Farbe, Vorwort über die Beteiligung der Polen am Kampf gegen Nazideutschland in den Jahren 1939-1945;
Preis 22,50 Euro

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Eine Antwort auf Rezension zur 1. deutschsprachigen Ausgabe von Arkady Fiedlers „Staffel 303“

  1. Ambroziak Stanislaw sagt:

    Leider hat es bis 1989 gedauert bis Polen frei wurde-viele von den 2WK Soldaten haben das nicht mehr erlebt Diese Piloten wurden in der PRL gleich nach dem Krieg als imperialistenhelfer benannt.

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