Leif Murawski: „Polnisch-jüdische Geschichte der letzten zwölf Jahrhunderte“

Am 1. Dezember konnte die Deutsch-Polnische Gesellschaft im ehemaligen Fakultätssaal im Philosophicum der Mainzer Universität Leif Murawski begrüßen. Der erste Vorsitzende Tomaz Horyd konnte dem Publikum, das sich im Rahmen der Studium Generale Veranstaltung eingefunden hatte, nicht nur einen kleinen Vorgeschmack auf den Vortrag bieten. Er hob vielmehr hervor, dass das Thema Antisemitismus nach wie vor ein akutes Thema in Polen wie auch in Deutschland sei, dem sich die DPG Mainz-Wiesbaden bereits mit zahlreichen Veranstaltungen angenommen hat und auch in Zukunft annehmen wird. Der missglückte Brandanschlag auf die Mainzer Synagoge gibt im Übrigen Auskunft darüber, dass auch in Deutschland eine judenfeindliche Stimmung virulent ist. Leif Murawski konnte später in seinem Vortrag ergänzen, dass der deutsche Antisemitismus sich durch das Merkmal des Heimlichen auszeichne, wohingegen der polnische Antisemitismus offen ausgelebt werde. Dafür konnte er die lebhafte Debatte um den Massenmord in Jedwabne und die Emigrationswellen jüdischer Bürger aus Polen  nach dem Zweiten Weltkrieg und in den späten 60er und 70er Jahren als Beispiel anfügen. Für Leif Murawski war es ein freudiges Wiedersehen mit der Mainzer Universität, wo er Slavistik, Germanistik und im Rahmen der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft auch Jiddisch studiert hatte. Leif Murawski, der vor dem Abschluss seiner Dissertation über den russischen Symbolisten Konstantin D. Bal’mont steht, arbeitet in der Frankfurter Bahnhofsmission als Sozialarbeiter. Bereits seine Großmutter war dort beschäftigt. Aus dieser Tätigkeit heraus entstand das sehr lesenswerte Buch: „Menschlichkeit am Zug“, dass 2008 erschien und in vielen interessanten Anekdoten auf 113 bewegte Jahre der Frankfurter Bahnhofsmission zurückblickt. Leif Murawski gestaltet literarische Abende, hält Vorträge – unter anderem auch am Mainzer Polonicum – und übersetzt aus der russischen und polnischen Literatur.

Am ersten Dezemberabend sollte es in seinem Vortrag um eine Übersicht über die gemeinsame polnisch-jüdische Kultur der letzten 1.200 Jahre gehen. Murawski vermittelte zu Beginn seines Vortrages einen Überblick über die Geschichte der Diaspora und sprach über die SCHUM-Städte ebenso wie über die  Pogromwellen, die eine Reaktion auf die Pest waren, und in deren Folge viele Juden nach Osten auswanderten. Durch Legenden ist die Geschichte dieser Wanderungsbewegung heute noch nachvollziehbar. In Polen bildeten sich, dank des finanziellen Interesses der Szlachta sowie der polnischen Könige an dem neuen „dritten Stand“, der zwischen Adel und Bauerntum stand und eine „funktionelle Leerstelle“ füllte, eine eigenständige jüdische Kultur heraus. Grundlage dafür war der Schutz durch den König, der bereits von Boleslaw dem Frommen rechtlich verankert wurde. Die einzigartige Sztetl-Kultur bildete sich heraus, und das Jiddische erfuhr einen starken Einfluss durch die slavischen Sprachen. Gleichzeitig wuchs der Einfluss des Hebräischen ebenfalls, Resultat einer „Rückbesinnung“ und kulturellen Blütezeit des Judentums.  Ab dem 15. Jahrhundert verstärkte sich die antijüdische Stimmung zusehends, während den Kreuzzügen kam es auch in Polen zu Pogromen. Für die katholische Kirche stellt die Aufwiegelung der Menschen in diesen Jahrhunderten einen dunklen Teil ihrer Geschichte dar. Eine Katastrophe gravierenden Ausmaßes war der Kosakensturm im Jahre 1648, dem mehr als 100.000 Juden zum Opfer fielen. Gleichzeitig verstärkte sich die antisemitische Stimmung zusehends. Murawskis Vortrag ließ verschiedene Perspektiven auf die Geschichte zu ihrem Recht kommen. So bezeichnete er den Kosakensturm auch als „einen antikolonialen Aufstand“. Resultat dieser Zeit, die dem „goldenen Zeitalter“ der polnisch-jüdischen Geschichte ein Ende bereitete, war auch eine Hinwendung der Juden zur Kabbala, zum Mystizismus und die Geburt des Chassidismus. Rabbi Baal Schem Tow gilt als Gründungsfigur des osteuropäischen Chassidismus, der neben dem Studium des Talmud und der Tora das persönliche Erlebnis in den Mittelpunkt des Glaubens stellt. Tanz, Gesang und Ekstase erfahren so einen bedeutend höheren Stellenwert. Dies wurde durch einen bisher unübersetzten Text des Krakauer Philosophen Henryk Halkowski deutlich, der die Dogmenfreiheit und den Pluralismus als den Kern des osteuropäischen Judentums identifizierte. Diese Werte seien nur durch die Autonomie der einzelnen Rabbiner und einen kulturellen Willen zur Meinungsfreiheit möglich. Tugenden, die in Zeiten des polnisch-litauischen Vielvölkerstaates in Blüte standen. Dennoch, so machte Murawski seine Zuhörer aufmerksam, dürfe man weder die Heterogenität des Judentums noch die komplexe „Dialektik der Separierung“ durch die streng gesonderten jüdischen Viertel und Sztetl darüber aus dem Blick verlieren. Der heutige Begriff der Integration sei auf diese Zeit nicht anwendbar.

Murawski führte auch in die jüdische Aufklärung des 18. Jahrhunderts ein, die in Westeuropa zum Aussterben des West-Jiddischen führte, da die Juden dort die Landessprache übernahmen, während die osteuropäischen Juden zahlreiche jüdische Schulen und Universitäten eröffneten, um das Hebräische zu erforschen und auch außerhalb des Ritus wiederzubeleben. Ziel der Aufklärer, der bekannteste unter ihnen dürfte sicherlich Moses Mendelsohn sein, war es, die Isolation der Juden zu durchbrechen.

Anschließend kam Murawski auf die Teilungszeit zu sprechen. Hier zeichnete sich ab, dass die im zu Österreich-Ungarn gehörenden Gebiet lebenden Juden das stärkste Maß an Liberalität erfuhren, während im russischen Gebiet von einer planmäßigen Verelendigung der Menschen, vor allem der Juden, zu sprechen ist. Interessanterweise assimilierten sich die Juden im preußischen Teil des ehemaligen Polens sehr schnell, da sie sich nicht vordergründig zur polnischen Kultur zugehörig fühlten.

Das 19. Jahrhundert führte zu einem Massenelend unter der jüdischen Bevölkerung. Nur vereinzelt bildeten sich Fabriken und Zentren wie etwa in Łódż heraus. Die Verstädterung sorgte für grundlegende Veränderungen der Lebensweise. Viele fanden keine Arbeit im Handel, Bank- oder Geldwesen, in der die einstige durch den König garantierte Monopolstellung aufgehoben war. Die zunehmende Konkurrenz erzeugte antisemitische Strömungen, das Elend ließ den Typ des sogenannten „Luftmenschen“ entstehen. Viele Juden emigrierten in den Westen oder in die USA – zahlreiche andere Beteiligten sich an den Polnischen Aufständen. Leif Murwaski führte seine gebannten Zuhörer mit ruhiger Stimme nun ins 20. Jahrhundert.

Mit der zunehmenden Instrumentalisierung der Begriffe „Sprache“, „Ethnie“ und „Nation“ wurden die Juden zunehmend als „Fremdkörper“ verstanden, der Antisemitismus wurde zum „Bindeglied der Nation“ – die auf der Karte nicht mehr existierte. Murawski verdeutlichte, wie sich diese Entwicklung auch in der 2. Republik fortsetzen sollte. Nach einer kurzen Blüte der jiddischen Literatur und Filmindustrie, die in Warschau ansässig war, begann eine Epoche der Konflikte. Die nationalkonservativen Kräfte sahen vielerorts die Juden als Hauptfeinde der Polen an, und zwar noch vor den Stalinisten und den Nationalsozialisten.

Anhand von kurzen, eigenhändig übersetzten Texten der Literaten Irek Grin und Tadeusz Konwicki ließ Murawski diese Epoche lebendig werden. Anschließend kam der Vortragende auf die Schrecken des Holocaust zu sprechen. Dabei klammerte er weder aus, dass in Polen der größte Teil der „Gerechten unter den Völkern zu finden sei“ – noch, dass nur in Polen die Todesstrafe auf Judenrettung verhängt worden sei. Umso erschreckender seien die Pogrome, die nach der Befreiung der Konzentrationslager an den Juden von der polnischen Bevölkerung verübt worden seien. Hier verwies Murawski auf den Massenmord in Kielce 1946. Daraufhin, und gegen Ende der 50er Jahre hätten viele der Juden, von denen 6 1/2 Millionen von den Nazis ermordet worden waren, Polen verlassen um nach Palästina oder in die USA zu reisen. Während das Jahr 1967 durch den 6-Tage-Krieg den Abbruch der polnisch-israelischen Beziehungen zur Folge hatte, kam es schließlich mit dem Zusammenbruch des Sozialismus zu einer sichtbaren Renaissance der jüdischen Kultur. Heute leben in Polen schätzungsweise 8.000 – 12.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger.

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