

Artur Becker wurde 1968 in Bartoszyce, einer Kleinstadt in Warmia und Masuren geboren. Die Mutter seines Vaters war Deutsche, von ihr und deren Bekannten hat er als Kind etwas Deutsch gelernt, er hat sich aber die Sprache später auf dem Verdener Gymnasium und während des Studiums (Germanistik, Slawistik) hart erarbeitet. Seine Eltern sind aus politischen und finanziellen Gründen 1984 als Spätsaussiedler nach Deutschland gekommen – Becker musste aber noch ein ganzes Jahr auf seinen Pass warten. Als Becker 15 Jahre alt war wurden einige seiner Gedichte in polnischer Sprache von der Olsztyner Zeitung veröffentlicht. 1989 wechselte er die Literatursprache und veröffentlichte zunächst zwei Bände mit Gedichten und einen Roman (“Der Dadajsee”) beim Bremer Stint Verlag. Dann folgte der Verlagswechsel zu Hoffmann & Campe, wo u.a. “Kino Muza” (2003) erschien (der einzige Titel Beckers, der bisher ins Polnische übersetzt wurde).
2008 wechselte Becker schließlich zum Frankfurter Verlag “Weissbooks” (gegründet von Rainer Weiss und Anya Schutzbach – zwei ehemalige Suhrkampgrößen – nun selbst Verleger). Hier erschien “Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken”, der u.a. durch die Verleihung des Chamisso-Preises populärste wie auch umstrittenste Roman Beckers.
Becker las zwei Mal beim Bachmann Wettbewerb in Klagenfurt und war außerdem Stipendiat der Villa Massimo in Rom und in New York. Er hat zahlreiche weitere Stipendien (wie etwa das Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung) und Preise gewonnen – von Anfang Juni bis Ende Juli dieses Jahres hält er sich ebenfalls gefördert durch ein Stipendium in Venedig auf.
Becker porträtiert in seinen 7 Romanen (3 Gedichtbänden und 1 Band Erzählungen) seine ehemalige Heimat Warmia und Masuren und deren Bewohner (Polen, Ukrainer, Juden, Ostpreußen) und spürt der Vergangenheit dieser Region nach. Seine Figuren bewegen sich meist als Nomaden zwischen den Ländern, sind Spätaussiedler oder Repatrianten und stehen oft zwischen mehreren Frauen. Becker schreibt mit viel Witz und Herz – Referenzen in seinem Werk sind immer wieder die großen und ganz kleinen Wenden und Brüche in der Geschichte, Pop, Rockmusik, amerikanische sowie polnische Filme und Autoren wie Miłosz, Swedenborg und viele weitere. Der späte im Niedergang befindliche Sozialismus, vom Autor an der eigenen, empfindlichen Haut der Kindheit erlebt, wird ebenfalls häufig verarbeitet und gerade für deutsche Leser zum erlebbar-sinnlichen Tor in die Vergangenheit unseres Nachbarlandes.
Becker ist ein ganzer Kosmos und weiß, sich auf Lesungen in Szene zu setzen. Er rezitiert außerdem in der Jazzband Les Rabiates zum Beat seine Gedichte. (Er ist aber kein Sänger oder Rapper, wie es oft heißt).
Ende August wird nun sein neuer Roman “Der Lippenstift meiner Mutter” erscheinen. In Anlehnung an Miloszs “Das Tal der Issa” dreht sich die Geschichte um die Kindheit (hier aber v.a. Jugendjahre) von Bartek in Bartoszyce. Becker wagt sich in diesem Roman auch erstmals sehr weit in einen autobiografischen Bereich hinein. Mit viel Herz und poetischer Kraft erweckt Becker hier schrullige, verschrobene Figuren der Kleinstadt zum Leben: Der unglückliche Friseur Czosnek (Knoblauch), dessen Frau ihn betrügt, der lahme, zurückgebliebene Sohn des (jüdischen) Schusters Lupicki, bei dem Bartes Großvater “Monte Cassino”, ein alter Ostpreusse, der als Wehrmachtssoldat seine Beine verloren hat, arbeitet, der dritte Schuster trägt den Namen Kronek und ist ein mürrischer Pole, der sich mit den Heldentaten seines Vaters rühmt, weil er selbst den Krieg verpasst hat… untreue Frauen, saufende Männer, rebellierende Jugendliche, die alle Einrichtungen und Häuser in Brand stecken wollen, eine verruchte Dorfschönheit, eine alte, stalinistische Dichterin und natürlich die überraschende Rückkehr des “Franzosen”, Barteks anderem Großvater, machen das Personal beinahe komplett. “Der Franzose” ist ein in die Jahre gekommener Weiberheld und Weltenbummler, seine Rückkehr wirbelt das verschlafene, spätsozialistische Nest ganz schön auf… und Bartek schmiedet Pläne, mit dem Franzosen ins Ausland zu reisen – aber der will sich in seiner einstigen Heimat viel lieber zur Ruhe setzen…
Soviel zu Becker und seinem neuen Roman. Wenn man ihn googelt stößt man auch schnell auf seine aktuelle und materialreiche Homepage.
Also: Ein Besuch der Lesung am 22.September in der Villa Clementine in Wiesbaden wird sich lohnen! Die Moderation der Veranstaltung übernimmt Andreas Öhler (Rheinischer Merkur).