Flucht, Vertreibung und Neuanfang

Benjamin Conrad

Referent Benjamin Conrad (Universität Mainz)

Nachwuchswissenschaftler und Osteuropaexperte Benjamin Conrad (Universität Mainz) referierte am 14. November in Kooperation von DPG und Studium generale über das Thema: „Zwischen Stalin, Staatsräson und Nostalgie. Die polnischen Heimatvertriebenen und Umsiedler.“ Die Veranstaltung im ehemaligen Fakultätssaal im Obergeschoss des Philosophicums der Johannes Gutenberg-Universität traf einen Nerv: Da die Sitzplätze nicht ausreichten, standen Zuhörer in „der zweiten Reihe“ oder machten es sich auf dem Fußboden so bequem wie möglich. Anschaulich und gewürzt mit neuen Erkenntnissen zur polnischen und europäischen Geschichte ging Conrad der Frage nach, vor welchen politischen Hintergründen die Umsiedlungen, Ausweisungen und Vertreibungen im 20. Jahrhundert im polnischen Staat stattfanden. Unterstützt durch eine Powerpointpräsentation führte Conrad durch ein Jahrhundert der Umbrüche. Sechs Kapitel vertieften unterschiedliche Schwerpunkte wie etwa „Polens Ostgrenze ab 1945“, „Vertreibung der Polen 1939 bis 1945“, „Entstehungsgeschichte der polnischen Westgrenze“. Conrad scheute sich nicht davor, auch „heiße Eisen“ anzupacken und etwa Unterschiede zwischen den deutschen und den polnischen Heimatvertriebenen zu analysieren oder auf die Themen Reiseverbote, Deportationen und Unterdrückungsmaßnahmen einzugehen. Hier zeigte sich, dass die internationale Osteuropaforschung im vereinten Europa dank Reisefreiheit und multilateraler Abkommen in den letzten Jahren immense Fortschritte gemacht hat. Beeindruckend war ebenfalls zu sehen,  welch immense Bedeutung dem Generationenwechsel zukommt: Statt auf direkte,  subjektive Erfahrung von Flucht, Vertreibung und politischen Spannungen zurückzugreifen, ist Conrads Generation vielmehr in einem vereinten Europa aufgewachsen und somit oft freier von alten Feinbildern und Stereotypen: Es ist nicht übertrieben, ihn als einen Vertreter einer neuen Generation von Europäern zu begreifen, die um ein vielfaches leichter einen unverstellten Blick auf die europäische Geschichte einnehmen können.

Viele Zuhörer: Der ehemalige Fakultätssaal bot kaum ausreichend Platz für die vielen interessierten Gäste

Durch die Westverschiebung des polnischen Staates, so referierte Conrad, wurden nach 1945 rund 70 Prozent der nun in UdSSR-Gebiet lebenden Polen gezwungen, ihre Heimat aufzugeben. Zumeist wurden sie in den ehemaligen deutschen Gebieten angesiedelt. „Die Machthaber der Volksrepublik sprachen von einer ‚Reptatriierung‘, vielmehr war es aber so, dass die Menschen in ein neues, fremdes Land  zwangsangesiedelt wurden“, erläuterte Conrad. Rund 1,5 Millionen Polen in den ehemaligen Ostgebieten verloren so bis in die 50er Jahre ihre Heimat.

Mit dem Thema Flucht und Vertreibung hatte die DPG offenbar einen Nerv getroffen

Währenddessen wurden eine halbe Millionen Litauer, Ukrainer und Weißrussen in die UdSSR umgesiedelt. Conrad kam auch auf das Schicksal der in Polen verbliebenen Reichsbürger zu sprechen und überraschte mit den nunmehr bekannten Ergebnissen der verfälschten Volksabstimmung von 1946. Auf diese hin wurde das einstige deutsche Territorium dem polnischen Staatsgebiet angegliedert. Statt der angeblichen 91 Prozent hatten damals lediglich 67 Prozent der Bevölkerung für die Annektierung des Gebietes gestimmt. Conrad zeigte, dass vor allem die kaschubische sowie oberschlesische Bevölkerung und die Bewohner der neuen Ostgebiete größtenteils gegen diese Maßnahme stimmte, während die Bewohner der großen Städte sowie der großpolnischen Gebiete einen Anschluss des Gebietes zum polnischen Staat befürworteten.

Die Resonanz auf den Vortrag war groß: Es entstand eine lebhafte Diskussion

Auf großes Interesse stießen auch Conrads Ausführungen über die polnische Minderheit in der heutigen Ukraine sowie Litauen, wo Minderheitsrechte auch heute noch wesentlich restriktiver gehandhabt werden als in der polnischen Republik. Mindestens 700.000 Polen leben heute in den einstigen Ostgebieten.

Vielen Zuhörern brannte es auf der Seele, eigene Erfahrungen zum Thema beizusteuern

Im Anschluss an den von den Zuhörern mehrfach gelobten Vortrag gab es den großen Wunsch nach einer ausgedehnten Diskussion. Zahlreiche Zuhörer ergriffen das Wort und steuerten, durchaus kontrovers, eigene Erfahrungen und Beobachtungen bei, etwa zum Schicksal der in Polen verbliebenen Reichsbürger, zur polnischen Minderheit in Lemberg oder heutigen Städtepartnerschaften oder Vertreibenenverbänden. Auch für Rückfragen gab es ausreichend Gelegenheit. Viele Teilnehmer folgten der Einladung von Iwona Derecka-Weber (DPG Mainz-Wiesbaden und langjährige Lehrkraft am Mainzer Polonicum), die die Veranstaltung organisiert hatte, die Diskussion im „Baron“ fortzusetzen. Besonders erfreulich war auch, dass die DPG durch den Vortrag zwei neue Mitglieder gewinnen konnte.

Osteuropaforscher Benjamin Conrad hat am Mainzer Polonicum erste Sprachkenntnisse gesammelt

Unermüdliche Einsatzbereitschaft für die polnisch-deutsche Sache: Organisatorin Iwona Derecka-Weber

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Gedankenschmuggelnder Grenzvagabund

Großes Interesse war beim Vortrag des elsässischen Autors, Filmemachers und Kabarettisten Martin Graff am 2. November zu verzeichnen.

Kein freier Platz: Das Institut Francais freute sich über einen großen Andrang

Kein freier Platz: Das Institut Francais freute sich über einen großen Andrang

Graff hatte nicht nur seinen jüngsten Roman „Grenzvagabund“  im Gepäck, sondern brachte auch zahlreiche Anekdoten dar und ging mit viel Humor auf die  jüngsten politische Ereignisse in Europa ein. Die Lesung aus seinem Roman (Verlag André Thiele, Mainz 2011 und als „Le vagabond des frontières im gleichen Jahr in der Edition Place Stanislas in Nancy erschienen) bildete freilich nur einen Teil des unterhaltsamen Programms: der Bogen wurde gespannt von Anekdoten über Graffs Großmutter über eine Mentalitätskunde der Deutschen und Franzosen anhand ihrer Schlafgewohnheiten (Französisches Ehebett vs. Deutsch-föderalistische Doppelmatratze) bis hin zum Schengen-Abkommen: „In Europa wurden die alten Grenzhäuser in Cafés umgewandelt, auf dem Balkan ist genau das Gegenteil geschehen.“

Martin Graff beobachtet die Entwicklung Europas genau

Martin Graff beobachtet die Entwicklung Europas genau

Die Veranstaltung, die in Kooperation mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft und dem Institut Francais stattfand, das auch seine ansprechenden Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, stand unter bilateralen Zeichen: Ausgangspunkt von Graffs Buch bildet die (fiktiv aufbereitete) Suche nach seinem Vater, ein Alemanne, der für die Wehrmacht kämpfen musste (wie 130.000 weiterer Elsässer) und schließlich in Schlesien fiel. Im Buch, so die Fiktion, findet der Sohn heraus, dass der Vater nicht tot ist, sondern die Fronten ein weiteres Mal wechselt und sich dem polnischen Widerstand anschließt.

Martin Graff las auf deutsch und französisch aus seinem jüngsten Roman

Martin Graff las auf deutsch und französisch aus seinem jüngsten Roman

Das Schicksal der Alemannen und der Schlesier wird dabei auf interessante und ungewöhnliche Weise verglichen. Graff stellte am exzellent besuchten Abend eine beindruckende gedankliche Beweglichkeit zur Schau, die vor allem um die europäische Idee kreist: „Wenn man die Sprache wechselt, wechselt man die Augen“, ermunterte der Gedankenschmuggler Graff sein Publikum dazu, über Grenzen hinwegzuschreiten.

Geschichtsträchtiger Wein im Dienste der Völkerfreundschaft: Tomasz Horyd (1. Vorsitzender) überreicht Martin Graff eine Weinspende des DPG-Freundes Ludwik Haass

Geschichtsträchtiger Wein im Dienste der Völkerfreundschaft: Tomasz Horyd (1. Vorsitzender) überreicht Martin Graff eine Weinspende des DPG-Freundes Ludwik Haass

Dankte im Namen der Veranstalter: Hausherrin Isabelle Farcat (Institut Francais)

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Nur Grass und Schlink?

Unser Vorstandsmitglied Barbara Kowalski spricht in einem Interview mit der Deutschen Welle über deutsche Literatur auf dem polnischen Buchmarkt:
„Tylko Grass i Schlink? Niemiecka literatura na polskim rynku księgarskim“

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Warschau im Wandel

Hier ein Link zum Dia-Vortrag von Jan Szurmant im polnischen Kultursalon Wiesbaden (Pokusa). Das Video wurde von Krzystof Zbigniew Kidula erstellt.

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Ein Brückenbauer aus Lodz

Zahlreiche Ehrungen und Würdigungen hat der Kulturvermittler und Übersetzer Karl Dedecius in seinem Leben stets bescheiden entgegengenommen – oder vielmehr, über sich ergehen lassen. Darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1990), den Orden des weißen Adlers (1997) und im letzten Jahr den Deutschen Nationalpreis.

Karl Dedecius inmitten der Laudatoren und Preisträger am Freitagabend, 20. Mai bei der Verleihung des Karl-Dedecius-Preises für deutsche und polnische Übersetzer.

Alles Aufhebens um seine Person ist dem hochverdienten Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen eher unangenehm.

Dedecius, der von Polen respektvoll mit „profesor“ angeredet wird, wurde 1921 in Lodz, dem „Manchester des Ostens“ geboren und wuchs zweisprachig auf. Nach dem Überfall Polens wurde er in die Wehrmacht eingezogen und nach Stalingrad geschickt. In sieben Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft brachte er sich selbst die russische Sprache bei.

Ein Kaffeetrinken im kleinen Kreis ging der Preisverleihung am Abend in der Orangerie in Darmstaddt voraus. Prof. Dieter Bingen, Leiter des DPI, überreicht ein Geburtstagspräsent.

Viele Jahre arbeitete er bei der “Allianz” – lediglich in seinen freien Stunden widmete er sich seiner Leidenschaft, dem Übersetzen, korrespondierte mit den Großen Dichtern des 20. Jahrhunderts und besorgte unverzichtbare Anthologien, die den Deutschen ihre Nachbarn im Osten näher brachten. Das änderte sich erst viele Jahre später, als das DPI realisiert wurde, dessen geistiger Vater und spiritus rector Dedecius war. Gefördert von den Ländern Rheinland-Pfalz und Hessen sowie der Stadt Darmstadt gründete er also 1979 das bekannte Deutsche Polen Institut mit Sitz auf der Mathildenhöhe, dessen Leiter er bis 1997 war. Rasch gesellte sich die Robert Bosch Stiftung als wichtiger Partner und bedeutender Geldgeber hinzu.

Auch die prominenten Gäste konnten sich über Geschenke freuen. Die neueste Anthologie Dedecius' versammelt dessen liebste Texte polnischer Sprache in deutscher Übersetzung. Gesine Schwan freut sich über ihr Exemplar von "Meine polnische Biblitohek. Literatur aus neun Jahrhunderten."

20 Jahre lang arbeitete Dedecius an der „Polnischen Bibliothek“, die in 50 Bänden im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Außerdem übersetzte er zahlreiche polnische und russische Dichter in die deutsche Sprache. Poeten wie Tadeusz Różewicz und Zbigniew Herbert widmeten ihm Gedichte. Als weiteres Hauptwerk gilt das siebenbändige „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“.

Seit 2003 verleiht die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem DPI den mit jeweils 10.000 Euro dotierten Karl-Dedecius-Preis. Im Zwei-Jahres-Turnus wird der Preis an einen deutsche und einen polnischen Übersetzer oder Übersetzerin vergeben.

Die Preisträger Esther Kinsky und Ryszard Turzcyn können sich über eine Preissumme von je 10.000 Euro freuen. Ebenso wichtig ist jedoch die Anerkennung der geleisteten Arbeit und die Wertschätzung der Tätigkeit als Übersetzer und Vermittler zwischen den Kulturen.

Die Preisverleihung findet abwechselnd in Darmstadt und Krakau statt. In diesem Jahr waren 400 geladene Gäste aus Kultur, Politik und Kunst in der Darmstädter Orangerie anwesend als Esther Kinsky und Ryszard Turczyn für ihre Verdienste ausgezeichnet wurden. Unter ihnen waren auch einige Mitglieder der DPG Mainz-Wiesbaden. Esther Kinksy ist bekannt geworden durch ihre Übersetzungen der Werke Olga Torkarczuks. Ihr polnischer Kollege Ryszard Turczyn hat bereits mehr als 150 Texte aus dem Deutschen und Niederländischen in die polnische Sprache gebracht. Darunter das Hauptwerk von Hans Meyer, besser bekannt als Jean Améry “Jenseits von Schuld und Sühne” oder Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Seine Übersetzung von “Die Klavierspielerin” ist bis heute das einzige Werk Jelineks, das in polnischer Sprache verfügbar ist. Sie alle brachten Karl Dedecius ein polnisches Geburtstagsständchen dar: „Sto lat“ sangen die Gäste des sichtlich gerührten Nestors polnischer Kultur in Deutschland. „Sto lat“ – einhundert Jahre möge er alt werden, der „profesor“ von der Darmstädter Mathildenhöhe.

Ein musikalisches Programm umrahmte die festliche Veranstaltung und sorgte für klangvolle Akzente.

Karl Dedecius zeigte sich an seinem 90. Geburtstag noch immer voller Tatenkraft, Humor und Begeisterung für die polnische Kultur und Poesie. Die DPG-Mainz Wiesbaden gratuliert von Herzen. Sto lat, panie profesorze!

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DPG-Ausflug zur BUGA 2011

DPG-Ausflug zur BUGA 2011

Die BUGA in Koblenz bietet viele Hingucker. Nicht alle sind botanischer Natur.

Bei herrlichem Wetter unternahmen die Mitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden e.V. am Samstag, 28. Mai, einen Ausflug zur Bundesgartenschau, die noch bis zum 16. Oktober dieses Jahres in Koblenz zu sehen sein wird. Das BUGA-Gelände ist in drei Areale unterteilt: „Kurfürstliches Schloss“, „Blumenhof am Deutschen Eck“ und – erreichbar über eine eigens gebaute Seilbahn – „Festung Ehrenbreitstein“. Das Gelände rund um die Festung ist mit Abstand das größte Areal, hier finden sich auch große Zelte und Ausstellungsflächen.

Futuristische Pavillions und Miniausstellungen finden sich überall auf dem weitläufigen BUGA-Areal. Der Besucher sollte vor allem Zeit mitbringen.

Es so kam es, wie es kommen musste: Einige Mitglieder verspäteten sich, andere wählten den falschen Eingang, so dass man schließlich in zwei Gruppen getrennt voneinander unterwegs war, da man sich auch später ständig verpasste. Die eine Gruppe konnte wie geplant an einer Führung über das Gelände teilnehmen.

Das BUGA-Gelände ist malerisch an Rhein und Mosel und rund um die Festung Ehrenbreitstein gelegen.

In zwei Gruppen ging es über das Gelände.

Die andere Gruppe erkundete die weitläufige BUGA-Fläche auf eigene Faust und durfte sich über einen (unerhofften und für alle Beteiligten überraschenden) V.I.P. Status bei der Eröffnung einer Fotoausstellung in einer der Blumenhallen freuen.

Wer ein gewaltiges Meer aus Blumen erwartet, wird in Koblenz wohl enttäuscht werden. Die BUGA setzt vielmehr auf florale Akzente.

Der Zeitpunkt der Veranstaltung war durchaus glücklich gewählt. Die lange Trockenperiode erwies sich zwar als ungünstig, einige Pflanzen und Blumen werden zudem erst im Sommer in der Blüte stehen. Die erwarteten Blumenmeere gab es daher allenfalls in den Zelten zu bewundern.

Ein Highlight war die Ausstellung der Grabkunstgärtner. Hier gab es vieles zu entdecken: im Mittelpunkt standen Grabgestaltungen, die der Individualität des Verstrobenen farbenfroh Rechnung tragen sollen.

Andererseits: bereits nach einigen Stunden im Freien hatte man sich einen Sonnenbrand zugezogen, der Großteil der weiten Ausstellungsfläche bietet keinen Sonnenschutz für die Besucher, die mindesten einen halben Tag hier unterwegs sein können, wenn sie das Gelände nur ablaufen möchten.

...nur ein Beispiel für moderne Grabsteinkunst.

Wenn man der Ausstellung trauen darf, dürften die Friedhöfe in Zukunft noch bunter und geradezu verspielt werden.

Viele Veranstaltungen und Aktionen locken auf dem Weg, für die man als Besucher extra Zeit einplanen sollte. Ein Erlebnis auf der BUGA stellen übrigens auch die abenteuerlichen Busfahrten zwischen Bahnhof und dem Areal um die Festung Ehrenbreitstein dar. Die Organisation der Shuttlebusse funktioniert offensichtlich nicht reibungslos – die Busfahrer versuchen dies durch einen „sportlichen“ Fahrstil wiedergutzumachen – in einem überfüllten Bus wahrlich kein Vergnügen.

Fazit:
Eine gelungene Veranstaltung voller kleiner Überraschungen, die noch besser hätte besucht sein können.

Gut lachen hatten die DPGler, die zufällig mitten hinein in eine Vernissage gerieten und als V.I.P.s an einem kleinen Sektempfang teilnahmen.

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„Nebeneinander deutscher Vergangenheit und polnischer Gegenwart“

Im Ministerium für Wissenschaft und Kunst stellte Dr. Oliver Loew sein neues Buch über Danzig vor / Lesung im Rahmen der Europawoche

Im Rahmen der Europawoche (5. bis 16. Mai) fand am Mittwoch, 11. Mai, um 19.30 Uhr im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst Rheinstraße 23 – 25, eine Autorenlesung mit Dr. Oliver Loew statt. Veranstalter war die Deutsch-Polnische Gesellschaft (DPG) Mainz-Wiesbaden e.V. Loew ist Historiker, Slawist und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am renommierten Deutschen-Polen-Institut Darmstadt tätig. Er kann als Experte für das „Venedig des Nordens“ gelten: Fünf Jahre lang hat er in der Stadt gelebt.

Dr. Oliver Loew (DPI Darmstadt) ist ein eloquenter Kenner Danzigs

In mehreren Büchern hat er sich Danzig, das symbolisch für die Solidarność, die Hanse und das deutsch-polnische Mit- und Gegeneinander steht, bereits gewidmet. Am vergangenen Mittwoch stellte Loew dem Publikum sein neuestes Buch unter dem Titel  „Danzig. Biographie einer Stadt“ vor, das im Verlag C. H. Beck in diesem Jahr erschienen und 320 Seiten stark ist.

Tomasz Horyd, 1. Vorsitzender der DPG Mainz-Wiesbaden e. V. begrüßte die rund 40 Gäste und sprach den Hessischen Ministerien für Wissenschaft und Kunst sowie der Justiz, für Europa und Integration für die Förderung einen herzlichen Dank aus.

Danzig: Stolze Hansestadt, Zentrum des Ostseehandels, „Freie Stadt“ durch die Friedensverträge von Versailles, Ort des Kriegsausbruchs von 1939 (Der Beschuss der Westerplatte), Schauplatz eines beispiellosen Wiederaufbaus, Stadt der „Blechtrommel“, der Literaten (Paweł Huelle, Stefan Chwin, Martin Opitz, Günter Grass u.a.) und der Solidarność: Danzigs Geschichte zwischen Deutschland und Polen ist spannend und faszinierend zugleich.

Den Gästen wurde es Dank eines spannenden Vortrages nicht langweilig.

Dr. Loew stellte sein Buch mit ausgewählten Zitaten, in einem freien Redebeitrag vor und unternahm einen Parforceritt durch die wechselvolle Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner. Im Anschluss fand eine Diskussion statt, die von Prof. Dr. med. Ulmer geleitet wurde. Der pensionierte Professor für Sportphysiologie, geboren 1939 in Danzig-Langfuhr, lebt seit 40 Jahren in Mainz und engagiert sich in der DPG Mainz-Wiesbaden. Natürlich konnte das Buch Loews auch an einem Buchstand erworben werden. Rund zwei Stunden dauerte die Veranstaltung, in der sich unterhaltsame Anekdoten mit anschaulichen Beispielen des „Missbrauchs der Geschichte“ etwa durch die Nationalsozialisten und Stalinisten abwechselten.

Natürlich gab es auch einen Büchertisch. Dort gingen im Anschluss einige Exemplare von Loews Buch “Danzig. Biographie einer Stadt” über den “Tresen”.

Schwerpunkt der anschließenden Diskussion bildete das 20. Jahrhundert, in das sich Danzig, so Loew, „als eine der europäischen Symbolstädte“ mehrfach eingeschrieben habe.

... wer wollte, konnte sich sein Buch auch gleich signieren lassen und dabei mit dem Referenten ins Gespräch kommen.

Die von rund 40 Gästen besuchte Lesung wurde vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Hessischen Ministerium der Justiz für Integration und Europa unterstützt.

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„Deutsche und Polen – ewig fremde Nachbarn?“

Lebhafte Diskussionen beim 8. Osteuropa in Mainz zur Bewertung des deutsch-polnischen Verhältnisses nach 1990 / Geplantes Zentrum gegen Vertreibungen bietet noch immer Zündstoff

Am 6. Mai fand in der Alten Mensa der Johannes Gutenberg-Universität der 8. Osteuropatag statt. Die Veranstalter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bildungswerk Mainz und der Osteuropa-AG sorgten den ganzen Tag für ein bunt gemischtes Programm aus Informationsveranstaltungen, Referaten und Podiumsdiskussionen. Das vorwiegend studentische Publikume verfolgte gespannt die Vorträge. In den Pausen kam man bei Kaffe, Kuchen oder wahlweise alkohlischen Getränken rasch miteinander ins Gespräch.Von 10 bis 12 Uhr konnte sich das zunächst noch vorwiegend studentische Publikum über die Arbeit verschiedener Vereine, Initiativen und Institute informieren: so stellten sich das Deutsch-Polnische Forum, die Europauniversität Viadrina, die Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung und viele weitere vor. Hier durfte das renommierte Mainzer Polonicum nicht fehlen, an dem seit vielen Jahren Polnischintensivkurse und Sprachaufenthalte auch für Nicht-Slavisten angeboten werden. Die Osteuropa-AG, die vor 10 Jahren eigentlich als „Russland-AG“ gegründet worden war, feierte ihr Jubiläum mit einem Rückblick und „Lagebericht“ über derzeitige Aktivitäten und Pläne. Beim 8. Osteuropatag diskutierten Studenten und Profesoren über das deutsch-polnische VerhältnisAußerdem informierten Studenten und die Abteilung Internationales über Vorbereitung und Möglichkeiten eines Auslandssemesters im Land an der Weichsel. Nach der Mittagspause standen mehrere Referate und Diskussionen auf dem Programm. Dr. Paulina Jędrzejczyk bildete mit dem „ABC der polnischen Mentalität“ den Auftakt. Im Anschluss tauschten sich vier Mitglieder der Osteuropa-AG über „Das Polenbild der jungen Deutschen und das Deutschlandbild der jungen Polen“ aus. Auch die Gäste der Veranstaltung schalteten sich in das Gespräch ein.Aneta Karpińska und Alex Tyra vertraten die polnische Seite, Christian Heitzmann und Immanuel Gieschen sprachen als Deutsche. Hier war der Konsens, dass die Polen besser über die Deutschen denken als umgekehrt. Polen sei für viele Deutsche ein unbekanntes Land, die Sprachbarriere erschwere außerdem den Zugang. Außerdem, so die vielleicht unberechtigte Kritik, sei das in den Medien verbreitete Bild von Polen oft einseitig und stereotyp. Dennoch war man sich einig, dass es Deutsche in Polen leichter hätten als umgekehrt, die Bürokratie und „abweisende“ Mentalität der Deutschen mache es den Polen schwer. Wenn ein Pole fragt: „Wie geht’s?“, dann möchte er eine Geschichte hören. Ein Deutscher antwortet bloß „Gut“, verdeutlichte Aneta, die selbst einen deutschen Freund hat. Die Polen fühlten sich nicht gerade „mit offenen Armen empfangen“. Generell seien die meisten Deutschen aber äußerst positiv überrascht, wenn sie das Nachbarland bspw. im Urlaub kennenlernten. Weitere Themen der Diskussion waren Atompolitik (Polen plant den Bau eines Atomkraftwerks), die umstrittene Ostseepipeline, Erika Steinbach und die Bedeutung der EU. Insgesamt, so wurde deutlich, sehen sich die Studenten vorrangig als Europäer. Alex Tyra, der im Alter von 2 Jahren nach Deutschland gekommen ist, begreift sich etwa als „polnischen Europäer deutscher Prägung“. Eine weitere Gemeinsamkeit fanden die Studenten auch heraus: Sowohl Deutsche als auch Polen seien „notorische Nörgler“, wobei die Deutschen lieber über andere nörgelten und die Polen eher über ihre eigene Nation. Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Podiumsdiskussion am späten Nachmittag, die von hochkarätigen Experten bestritten wurde. Höhepunkt der Veranstaltung war die Podiumsdiskussion am späten Nachmittag, die sich an das Impulsreferat von Prof. Dieter Bingen (Deutsches Polen Institut Darmstadt) zum Thema „Deutschland und Polen nach 1990“ anschloss. Hier diskutierten Tomasz Badowski (Vizekonsul im Generalkonsulat der Republik Polen), Prof. Bingen, Prof. Michael Pietsch, (Vorstandsmitglied der Landsmannschaft Schlesien, Landesvorstand im Bund der Vertriebenen und Mitglied des Mainzer Stadrates) sowie Radiomoderator Elizeus Plichta (Vorstand Verband polnischer Journalisten). Es moderierte Benjamin Conrad (Universität Mainz).

In der Diskussion wurde die Angst in Westeuropa, dass durch die Arbeitsfreizügigkeit ab Mai „Horden von polnischen und tschechischen Billiglohnarbeitern“ (Prof. Bingen) über die Grenze kommen könnten, als Phantom entlarvt. Im Gegenteil: Gerade die Deutschen werden vom Zuzug der dringend benötigten, hochqualifizierten Fachkräften profitieren. Eine Gefahr bestehe vielmehr für Polen. Die Größenordung der Migrationsbewegung werde zudem in der Regel vollkommen überschätzt. Dietsch betonte: „Migration in Europa ist normal – alles andere ist altes Denken“. Prof. Bingen sagte ein Ende des derzeit ruhigen deutsch-polnischen Verhältnisses durch die anstehenden Wahlen in Polen voraus. Bereits in seinem Vortrag hatte Bingen darauf verwiesen, dass Deutschland und Polen keine „Interessenidentität“, sehr wohl aber eine „Interessensgemeinschaft“ verbinde. „Die Kurzfristigkeit der Außenpolitik bringt ein hohes Potential an Störanfälligkeit mit sich“, erklärte Bingen am Beispiel des Irakkrieges. „Gerade in Wahlkampfzeiten kann die Veränderung des Tonfalls für eine Abkühlung des Verhältnisses beider Länder sorgen“, resümierte Bingen. An Zündstoff jedenfalls mangelt es nicht, wie die mitunter sehr lebhaft geführte Diskussion zeigte. Die Umsetzung des geplanten „Zentrums gegen Vertreibungen“, das der BdV auf deutschem Boden errichten will, ist eines der Reizthemen.Die Diskussion wurde lebhaft geführt und drehte sich auch um kontroverse Themen wie das geplante "Zentrum gegen Vertreubungen". Vizekonsul Badowski (l.) im Dialog mit Prof. Bingen (DPI). „Die Vertriebenen sind keine Feinde für uns, sondern ebenfalls Opfer des durch die Nazis begonnenen Krieges“, machte Badowski den polnischen Standpunkt klar. Die Polen fürchten, dass durch eine Konzentration auf das Leid der (deutschen) Vertriebenen der Zusammenhang verwischt werde, dass der „Krieg im Westen nicht mit dem Vernichtungskrieg im Osten gleichgesetzt werden kann“, so Badowski weiter. Zudem seien die Vertreibungen ein Ergebnis der Beschlüsse der Alliierten Siegermächte, die Polen um 150 km nach Westen verschoben hätten. „Zudem fürchten die Polen eine „Opferkonkurrenz“, ergänzte Plichta. Daher sei für viele Polen der Standort des Zentrums ein Dorn im Auge. Auf polnischer Seite wurde immer wieder Breslau als Standort ins Gespräch gebracht, da die Stadt zum Zentrum der polnischen Vertriebenen aus Lemberg und den polnischen Ostgebieten wurde. Pietsch versuchte, die Opferkonkurrenz zu behaupten, indem er einen unglücklichen Vergleich zwischen der „Schuld der Polen an den Vertreibungen“ mit der Schuld der Wehrmachtssoldaten an den Erschießungen polnischer und jüdischer Zivilisten zog. Dennoch betonte Pietsch den europäischen Charakter des Zentrums gegen Vertreibungen: „Das Zentrum dient nicht der Umdeutung der Geschichte.“ Nachwuchswissenschaftler Benjamin Conrad (Universität Mainz) moderierte fachkundig die Diskussion und sorgte für eine ausgewogene Verteilung der Redeanteile.Die Person Erika Steinbach und die Forderung nach einer Entschädigung der deutschen Vertriebenen erregte nach wie vor die Gemüter auf beiden Seiten. Prof. Bingen erwies sich als fähiger Vermittler: Die Vertriebenendiskussion in Deutschland sei nie offen geführt worden und daher lange überfällig. Er bedauerte, dass der BdV die Idee eines Zentrums gegen Vertreibungen benutzt habe, „um wieder ein Thema zu haben“. Auf polnischer Seite kritisierte er die ungerechtfertigte Fokussierung der Diskussion in Form medialer Kritik an vereinzelten Personen. Bingen verdeutlichte, dass nicht der Standort des Museums ausschlaggebend sei, sondern die Konzeption der Ausstellung. Durch anerkannte und renommierte deutsche wie polnische Historiker im Beirat des geplanten Zentrums sei sichergestellt, dass eine „angemessene Kontextualisierung“ erfolge.

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Zukunft in der „Alten Heimat“

Olaf Müller und Gernot Wolfram bearbeiten ein Thema auf sehr unterschiedliche Weise / Die Hauptfiguren finden in Polen eine neue Liebe – und zu sich selbst

Der Ansturm der „Barbaren aus dem Osten“ ist in Zeiten der Mobilisierung der Bevölkerung, der EU-Erweiterung und Globalisierung ein vielfach beschworenes Bild. Die Angst vor den fremden Nachbarn aus den Provinzen des ehemaligen Sowjetimperiums ist nicht neu und war nicht nur hierzulande, sondern auch in den baltischen und osteuropäischen Ländern zu Zeiten der Novemberrevolution (und auch später) virulent. Aus historischer Perspektive wird man zugestehen müssen, dass die Polen den Expansionsdrang ihrer Nachbarn oft schmerzhafter verspürt haben – ein Blick auf die Teilungen Polens, den Zweiten Weltkrieg und die „Entführung in den Osten“ (Kundera) mag dies bekräftigen. Doch auch die Polen haben sich in ihrer Geschichte immer wieder als Kolonisatoren versucht, ob im Baltikum oder in Moskau. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn haben sie dabei allerdings keine totalitäre Regime errichtet. Die Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten fand auf polnischem Boden statt.

Ironischerweise grassiert die Furcht vor einer regelrechten Völkerwanderung vom Osten Europas in den „Goldenen Westen“ trotz allem immer wieder aufs Neue – pünktlich zu jeder Beitrittsverhandlung der Baltikumsstaaten zur EU. Ähnlich groß war die Angst der BRDler vor ihren Brüdern und Schwestern aus der DDR vor der Wiedervereinigung. Der befürchtete Einfall fremder Völkerscharen ist indes ausgeblieben. Im Gegenteil, immer wieder kann man in Anzeigenblättchen verzweifelte Gesuche lesen, in denen händeringend nach unterbezahlten Saisonkräften geforscht wird, die die Pflege der kranken Eltern übernehmen sollen. „Suche Polin“ ist dann zu lesen.

Das es auch andersherum geht, hat nicht erst Steffen Möller mit seinem nicht ganz ernst gemeinten Ratgeber für angehende Gastarbeiter in Polen bewiesen. Die deutsche Ausgabe von Polska da się lubić, hierzulande als Viva Polonia veröffentlicht, ist allerdings als eigenständiges Buch zu betrachten. Hier werden Zielgruppen gezielt abgeholt.

Auch in den deutschsprachigen Romanen der letzten Jahre wird die Möglichkeit eines Neubeginns im Nachbarland produktiv ausgesponnen. Gernot Wolfram (Samuels Reise, DVA 2005) und Olaf Müller (Schlesisches Wetter, Berlin Verlag 2003) beschreiben auf sehr unterschiedliche Weise die Reise ihrer Figuren in den Osten. Und doch gibt es erstaunliche Parallelen. Polen ist für den namenlosen Übersetzer in Müllers Roman Schlesisches Wetter ein weißer Fleck. Seine Reise nach Krakau nichts als eine Gefälligkeit, die er seiner Freundin erweist, die er gar nicht liebt. Und würde nicht deren geheimnisumwobener Vater (allzu) bereitwillig sämtliche Kosten auf sich nehmen, würde N.N. auch nicht mit dem schwer zugänglichen Samuel nach Krakau fahren, um dem berühmten polnischen Sci-Fi-Schriftsteller einen Besuch abzustatten. Den verehrt der 12-jährige Sohn der Freundin des namenlosen Erzählers nämlich besonders. Entsprechend groß ist die Hoffnung von Anna, deren schrulligem Vater Predotta und N.N., dass ein Besuch bei diesem Schriftsteller, der erkennbar Stanisław Lem nachempfunden ist, helfen könnte, einen Draht zum verschlossenen Samuel zu finden.

Auch für Alexander Schynoski (Schlesisches Wetter) sind Polen und Schlesien weiße Flecken – wenngleich von anderer Intensität. Er mag in Leipzig geboren sein. Doch seine Familie stammt aus Schlesien und gehört der Gruppe der deutschen „Heimatvertriebenen“ an. Die „alte Heimat“ ist für ihn in den Tagen seiner Kindheit in den Geschichten seiner Großmutter und in alten Fotografien noch lebendig. Diese fallen dem neugierigen Jungen in die Hände, der bald versucht, die ihm unverständlichen und bruchstückartigen Informationen zusammenzufügen. So fragt er sich, wer der Mann in der schwarzen Uniform sein mag, über den nicht gesprochen werden darf. Mehr als die Geschichten der Großmutter ist es das eiserne Schweigen der Mutter, das Schynoski prägen wird. Es ist, als hätte er bei seiner Geburt all diese unverdauten Geschichten in die Wiege gelegt bekommen. „Die entschiedenste Erinnerung an meine Kindheit besteht darin, wie man im Haus, in unserer Wohnung über die „Alte Heimat“ gesprochen hat. Großmutter erzählte, ihre Töchter assistierten. Eingebläut wurde mir allerdings, dass ich in der Schule darüber zu schweigen hätte, im Sportverein, den ich ein Jahr lang besuchte. Ohne Erfolg.“ (S. 162) Das Heimweh und das Verlangen der Flüchtlinge nach Heimat gilt in der DDR als verdächtig – und geradezu faschistisch. Bis heute haben die Relikte der NS-Propagandamaschine von der Arisierung des Ostens und die sozialistische These von der „Wiederbesiedlung urpolnischer Gebiete“ eine tiefgehende Aussöhnung der Heimatvertriebenen links und rechtsseitig der Oder verhindert.

Nach der Wende fasst Schynoski den Entschluss, etwas Neues zu beginnen. Zu verstehen. Zu berichten. Er versucht sich in Berlin als Journalist und wird mit 39 Jahren von seinem Chef in den Ruhestand geschickt. Er ist unbrauchbar. Nur aus Mitleid wird er hin und wieder für eine unbedeutende Tätigkeit aktiviert, die selbst er nicht vergeigen kann. Und in diesem Zustand treffen wir ihn, diesen überaus seltsamen Ich-Erzähler. Ein wahrer Fleischberg an Spleenigkeit und Selbstekel. Von der Welt auch auf symbolische Weise durch eine dickglasige Brille getrennt. Auf der Grenze zur Depression balancierend. „Die Kurzsichtigkeit oder das Beinaheblindsein hatte meine Aussichten, wohin auch immer, zunehmend verdunkelt.“ (S. 29f.) Es ist nicht leicht, sich in diesen Charakter hineinzufühlen, dem bereits die Vorstellung, sich ein Ziel zu setzen, zuwider ist. Es ist nicht leicht, jemanden zu mögen, der sich selbst nicht lieben kann. Der einfach dahintreibt. Oder besser gesagt: vegetiert. Die Dinge beginnen sich für den stark übergewichtigen Schynoski zu ändern, als seine Freundin Maureen, die er hasst und zugleich liebt, für einen Architektenjob nach London zieht. Man ahnt, dass er ihr und ihrer Karriere nicht folgen wird. Im Auftrag seines Chefredakteurs macht er Bekanntschaft von Witek und Beata, die für die Breslauer Ausgabe der Gazeta Wyborcza schreiben. Und nicht nur, dass sie einen Bildband über Breslau als Geschenk mitgebracht haben (das Haus der Eltern steht im ehemaligen Fürsten-Altgut, in der Nähe Wrocławs). Sie machen Schynoski auch mit den Stücken Gałczyńskis bekannt.

Was nun folgt, ist der Beginn einer schwierigen, tiefgreifenden Metamorphose. Schynoski beschließt, sein Schneckenhaus zu verlassen. Er fasst den Plan, nach Wrocław zu fahren. Doch vorher muss er Kontakt zur Vergangenheit aufnehmen. Er muss die Mutter endlich zum Reden bringen. Er muss ihre und seine eigene Vergangenheit aufarbeiten. „Bevor ich zu meiner Mutter fahren würde, wollte ich die Straße meiner Kindheit und das ausgebrannte Haus sehen. Es war nicht mehr als ein Besuch. Das half. Ich war ausgezogen,  um in der Ferne den unbequemen Anzug meiner Kindheit abzustreifen, aber nicht zurückgekommen, weil ich es etwa geschafft hätte.“ (S. 116) Die Mutter wird schließlich erzählen. Ohne Punkt und Komma. Vom Krieg. Den Lindenalleen. Dem einfachen Leben. Der Ankunft der Polen. Und dann den Lastwagen der Soldaten der Roten Armee. Der Vergewaltigung ihrer Cousine durch die Bolschewiken. Die Angst vor der Deportation nach Sibirien. Von den toten Kindern auf der Straße. „Auf mich hagelte es herab. Das Stakkato ihrer unverdauten Geschichte.“ (S. 136) Schweigen wird die Mutter hingegen von den Konzentrationslagern, von der Ermordung der europäischen Juden. Umso mehr spricht sie indes von der Rachsucht der Polen, die sogar die Kirchenbücher vernichten wollten.

So schwierig der Charakter der Hauptfigur Schynoski ist, so schwierig sind auch die Themen, an die Olaf Müller sich heranwagt. Flucht, Vertreibung, Kriegsverbrechen auf beiden Seiten, die Lügen der DDR, die unvorstellbar grausame Ermordung der Juden, die Heimat- und Rastlosigkeit der Vertriebenen durch die Beschlüsse der Konferenz in Jalta, der Irrsinn der „Festung Breslau“, die Totenkopf-SS, der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung Leipzigs, Flüchtlingszüge nach Westen und Osten, Entkommene KZ-Inhaftierte, die nur durch Raub überleben können, die Verachtung der Ossis durch die Wessis und der Polen durch die Deutschen, den Warschauer Aufstand und den vorausgehenden, verzweifelten Ghettoaufstand. Dennoch gelingt es Müller, durch eine mal heitere, mal gallige Ironie und die Flucht ins Detail, all diese schwere Fracht auf den breiten Schultern seines Protagonisten gut zu verteilen, so dass auch der Leser nicht darunter zusammenbricht. Das verdient höchste Anerkennung. Aber schließlich geht es eben nicht hauptsächlich um die Vergangenheit, sondern darum, sich von den Geistern der Vergangenheit befreien zu können. Nur das diese eben noch lange nicht gebändigt sind.

So deutlich die Ressentiments aus den Erzählungen der Mutter Schynoskis hervortreten, so gründlich lernt Schynoski auch die Vorbehalte auf polnischer Seite kennen. Bei einem Abendessen bei seinem neuen Freund Witek wirft ihm dessen Mutter ihre Familiegeschichte ebenso an den Kopf, wie seine eigene Mutter es zuvor getan hat. Provokant fordert sie ihn schließlich auf: „Sie sollten es schreiben! (…) Wie die Deutschen wieder hierherkommen. (…) Die Stadt ist voller Deutscher. Im November, im Winter fallen sie nicht auf. Aber im Sommer und erst im Sommer zählt man sie zu Tausenden. Auch wenn sie in kleinen Gruppen spazieren, könnte man denken, sie wären zu einer Demonstration nach Breslau gekommen. (…) Aber schreiben Sie auch, dass sie eine alte Polin getroffen haben, die ihr Leben in Breslau verbracht hat.  Die alte Polin hat Ihnen gesagt, dass die Deutschen wenigstens warten könnten, bis wir tot sind, wenn sie schon zurückkommen müssen.“ (S. 196f.)

Auf polnischem Boden angelangt, dauert es nicht lange, bis eine Verwandlung mit Schynoski geschieht. Diese Metamorphose verläuft in mehreren Stadien. Zunächst befällt ihn eine komisch mitanzusehende Todesangst, eine paranoide Furcht und ein Ekel vor der Fremde – Produkt all der zahlreichen Vorurteile, die ihm seit seiner Kindheit eingetrichtert wurden: „Doch während ich nach einem Ausweg suchte – was ich allein in der Redaktion von den mafiösen Zuständen in Polen gehört hatte, gelesen, vom erbarmungslosen Beute-Machen bei deutschen Touristen, von spurlosem Verschwinden -, versuchte ich, aus den aufsteigenden Begriffen einen einzufangen, welcher die Lage, in die ich mich gebracht hatte, am sichersten beschrieben hätte. Aus der Wortwolke fiel: Todesgefahr.“ (S. 172) Für ihn, der glaubt, dass er bloß mit einem Bündel Scheine wedeln muss, um ein ausgebuchtes Hotel in eines mit freien Zimmer zu verwandeln, warten einige Überraschungen. Schynoski bringt sich selbst in die absurdesten Situationen. Sein erster Eindruck von Breslau manifestiert sich in einem überdeutlichen Ekelgefühl: „Der Gestank nach Scheiße in der Bahnhofshalle. Die durchgerosteten Pfeiler der Hallenkonstruktion drohten einzuknicken.“ (S.165f.) Die Hysterie Schynoskis schlägt aber rasch um in ihr Gegenteil. Als hätte er eben diesen „Kick“ gebraucht, macht sich ein nie gekanntes Hochgefühl, eine geradezu unheimliche Euphorie im zuvor so lethargischen Schynoski breit. Endlich fühlt er sich lebendig. Nun muss er sich nur klar machen, dass er keine Zukunft hat, wenn er nicht zuvor mit der Vergangenheit abschließen kann. „Ich hatte weder vor, Ahnenforschung zu betreiben, noch irgendwas in Augenschein zu nehmen, etwa ein Dorf oder ein Haus oder einen verschollenen Grabstein, was irgendwer einmal besessen haben könnte, der nicht ich war.“ (S. 194), lügt er sich zunächst noch in die Tasche.

Aber dann führt ihn sein Weg zur Weihnachtszeit nach Fürsten-Altguth, wo er die Bekanntschaft von Agnieszka macht, die ihn mit ins Haus ihres Großvaters nimmt. Und dieses Haus erkennt er aus den Erzählungen der Großmutter wieder. Es ist ihr Haus. Wie sich herausstellt, wurde Agnieszkas Großvater, ein Händler aus Radom, ein Städter, gezwungen sich im Westen, in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ anzusiedeln, wo er ein entbehrungsreiches Leben als Kleinbauer führte. Hier spiegelt Müller die Geschichte der Bauersfamilie Schynoski, die durch die Vertreibung zu Städtern wurden, geschickt wider. Auch der Zeitpunkt der Ankunft Alexander Schynoskis ist natürlich hochsymbolisch: Der Journalist wird zum metaphorischen unerwarteten Gast, für den am Weihnachtsabend an der polnischen Tafel stets mit eingedeckt wird. In stiller Übereinkunft zieht er bei dem Großvater Agnieszkas, in die er sich verliebt, ein. Er fasst den Entschluss, die „alte Heimat“, die ihm zur neuen Heimat geworden ist, nicht wieder zu verlassen. Dass er das tut, um hier eine Zukunft aufzubauen, wird auch durch seinem Beschluss deutlich, die polnische Sprache zu lernen, die ihm doch zunächst so schwer verständlich anmutet. Nicht umsonst bezeichnet er sie zunächst als „Karussell der Zischlaute“. (S. 176) Schynoski kommt also nicht als Repatriant. Er kann die Vergangenheit begraben und begreift, dass es keine Gewinner in der Geschichte der Vertreibungen gibt, sondern nur die nackte Notwendigkeit: „Grabsteine fielen mir nicht auf. Keine deutschen Namen. Ich würde sie in der Straßenpflasterung finden können. (…) Was hätte man anderes tun sollen, als den protestantischen Friedhof aufzulösen und die Grabsteine als Pflasterung zu verwenden, wenn man gezwungen war, für die katholischen Toten Platz zu schaffen, die es nicht darauf abgesehen hatten, auf diesem Friedhof zur ewigen Ruhe gebettet werden zu werden, und die Straßen dringend zu reparieren waren? Ich habe bis jetzt nicht nach den verlorenen Grabsteinen gesucht.“ (S. 219)

Heiterer und darum im direkten Vergleich schwächer liest sich Gernot Wolframs Roman „Samuels Reise“. Die Töne, die das Buch anschlägt, sind poetischer, fantastischer als bei Müller. Es ist eine andere Welt, von der 1975 geborene Wolfram erzählt. Eine Welt, in der die Wahrscheinlichkeit und die Geschichte viel weniger präsent sind. An der an jeder Ecke die fantastischsten Begegnungen passieren. In der es vor Homosexuellen, Transvestiten, Doppelgängern und Überlebenskünstlern geradezu wimmelt. Bereits mit der Figur des 12 Jahre alten Samuels wird dem Leser deutlich gemacht, dass der Roman mit den Mitteln einer Traumlogik arbeitet und die Gesetze des Alltags hier keine Bedeutung haben. Samuel scheint zunächst ein verschlossenes, hochbegabtes Kind zu sein. Er fällt bisweilen unvermittelt in Ohnmacht und liest wie besessen die Bücher eines alten polnischen Schriftstellers, der als schwierig gilt und in Krakau wohnen soll. Die Prophezeiung Samuels, dass der Ich-Erzähler und seine Mutter Anna sich nicht lieben würden, bestätigt sich rasch und ist auch für den Leser keine Verwunderung. Nach ihrer Ankunft in Krakau verschwindet Samuel nach der „Audienz“ bei dem alten Schriftsteller. Erst danach fällt dem Ich-Erzähler, Übersetzer von Beruf, auf, dass es nur ein Doppelgänger war, mit dem sie verabredet waren. Diesen Doppelgänger hat Samuels Großvater engagiert. Da der polnische Schriftsteller im Ausland weilt, soll es der Doppelgänger Klima richten und für ein besonderes und einmaliges Erlebnis sorgen. Samuel durchschaut diesen Trick sofort und bricht daraufhin auf eigene Faust in Richtung Warschau auf. Damit gerät er aus dem Fokus des Lesers.

Die Bemühungen des Ich-Erzählers, Samuel aufzustöbern und den Ausreißer wieder einzufangen, scheinen in einem Paralleluniversum angesiedelt. Der namenlose Übersetzer, der sich auf die englische Literatur des 18. Jahrhunderts spezialisiert hat, wirkt für gewöhnlich kühl und abweisend. Unspontan. Auf polnischem Grund und Boden wird er nun in eine abenteuerliche Begegnung nach der anderen verwickelt. So soll ihm nun gerade die dubiose Doppelgängeragentur des undurchsichtigen „Klima“ bei der Suche nach Samuel helfen. Klima, der zuvor sehr glaubhaft den Doppelgänger des alten polnischen Sci-Fi Schriftstellers gegeben hatte, ist jüdischer Herkunft. Wie sich herausstellt, war er ein einst Freund von Annas Vater Predotta. Auch dessen polnische Herkunft wird somit offengelegt. In seiner Agentur gibt es auch Doppelgänger, die für ihr Publikum KZ-Insassen mimen – authentischer, als ein wahres Opfer des NS-Regime es könnte, heißt es provozierend. In all den sich entspinnenden Turbulenzen rückt das alte Leben N.N.s in die Ferne. Er kommt zunächst Klimas Angestellten Julian auf deutlich homoerotische Art nahe, anschließend der spontanen und schönen Lidia. Seine anfängliche Unruhe erstickt er in Zigaretten, Alkohol und mit Flirts, so, wie es ihm der schottische Schriftsteller Boswell vormacht, dessen schonungsloses Tagebuch er ins Deutsche zu übertragen hat. Schließlich gilt es eine Frist einzuhalten. Die Überraschung, dass die anziehende Lidia, mit der N.N. bald eine Affäre beginnt, Julians Schwester ist, teilt der Leser allerdings nicht. Auch, dass er sich von dem Zwang befreien wird, alle Fristen stets einzuhalten wie ein Roboter. Als Samuel schließlich aus eigenen Stücken wohlbehalten zurückkehrt, bleibt der Verdacht bestehen, dass der hochbegabte Junge mit seiner Flucht die unglückliche Verbindung zwischen seiner Mutter und dem Boswell-Übersetzer sabotieren will, in dem er ihnen die Augen öffnet. Mit Erfolg. Auf dem Flughafen treffen Anna, Predotta, Samuel und N.N. wieder aufeinander. Der Empfang ist kühl. Schließlich kommt es noch zu einer weiteren Begegnung: „In der sich wieder öffnenden (…) tauchte eine vertraute Gestalt auf oder, besser gesagt, der Anschein einer vertrauten Gestalt. Der rasche selbstbewusste Gang, der gedrungene Körper, das Jackett, die randlose Brille. War das Klima? Oder der aus den Staaten zurückkehrende Schriftsteller? (…) Samuel hatte den Mann auch erkannt und sah ihm nach. Als ich merkte, dass ich ihn beobachtete, erwiderte er ruhig meinen Blick.“ (S. 202f.)

Von einer schmerzhaften Metamorphose wie bei Müller ist bei Wolfram wenig zu verspüren. Die Verwandlung seines Protagonisten geschieht leichter, spielerischer. „Die Schnelligkeit, mit der sich die Dinge verwandelten, wunderte mich. Ich war als nicht sehr neugieriger Gast hergekommen und stellte nun fest, dass mein altes Leben von mir abfiel, ohne dass abzusehen war, was kommen würde. Ich wollte Lidia auf keinen Fall verlieren.“ (S. 159) Ausflüge in die Geschichte erreichen bei Wolfram nicht den Tiefgang wie bei Müller. Vage bleibende Seitenhiebe auf Lech Wałęsa oder die Ära des Sozialismus sowie einige Andeutungen über die mitunter schwierige polnisch-jüdische Geschichte, damit muss sich der Leser begnügen. Dennoch ist Müllers Roman ein fesselndes Stück Literatur von großer erzählerischer Kraft und überwältigendem Einfallsreichtum. Eine Meditation über die Wiederentdeckung des Gefühls lebendig zu sein – filgran, dicht und fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Es hat eben nur nicht so viel mit Polen zu tun, wie man erwarten könnte.

Trotz dieser Unterschiede treten die Parallelen deutlich zu Tage: Die Protagonisten beider Romane sind derangierte, ostdeutsche Männer in den mittleren Jahren. Am Rande einer Depression angelangt, haben sie den Kontakt zu sich selbst verloren. Sie sind in Passivität verfallen, einen Dämmerzustand, aus dem sie sich ohne äußeren Impuls nicht befreien können. Um die Gärung, die sich tief in ihrem Inneren vollzieht, in eine deutliche Reaktion umzusetzen, bedarf es einen Katalysators. Sie bringen ihre aktuelle Beziehung zum Scheitern, indem sie nach Polen fahren und sich dort unvermittelt neu verlieben. Die Reise in den Osten, beide Male führt sie nach Schlesien, wird dabei zu einer Reise zu sich selbst: „Die geistige Fahrt gekoppelt mit der realen ist doch eines der interessantesten philosophischen Themen, weil sie die stete Veränderung der Wahrnehmung ausdrückt“, belehrt Predotta den Ich-Erzähler in Wolframs „Samuels Reise“. Das Neue, das Fremde, das Andere zu einem Teil seiner Selbst zu machen, bietet dabei die Gelegenheit, jemand anderes zu werden. Bei Müller ist die „Alte Heimat“ bereits ein Teil der Familiengeschichte Schynoskis, bei Wolfram der des Schwiegervaters. Eine persönliche Bindung an das Land hat hingegen keiner der Charaktere. Land, Leute und Sprache sind ihnen fremd.

Beide Romane weisen eine sehr deutliche Finalstruktur auf, aus der in Form zahlreicher Vorausdeutungen auch kein Hehl gemacht wird. Vor allem Müllers „Schlesisches Wetter“ bezieht aus der Konfrontation des trägen Schynoskis mit dessen vorweggenommenen neuen Lebens in Polen Spannung. Dieses Organisationsprinzip bringt Ordnung und Struktur in die Romane – beide Autoren gehen souverän damit um.

Die Enden der Romane sind keineswegs als Happy End zu bezeichnen. Das wäre auch furchtbar unangemessen. Stattdessen wird der Leser mit einem klassischen „offenen“ Ende entlassen. Es bleibt die Perspektive auf eine aufkeimende, aber unkitschigen und sicher auch ungewissen Liebe. Aufgeschlossene polnische Helferfiguren säumen den Pfad der sich entspinnenden Selbsterkenntnis. Gerade die Selbstvergewisserung, die Authentizität ist ja das Schlüsselprinzip dieser doppelten Reisebewegung. Ein Neubeginn im doppeltcodierten Raum der „Wiedergewonnen Gebiete“ ist nicht ohne Rückschau möglich. Die Vergangenheit muss thematisiert und gleichermaßen bewusst wie mühsam aufgearbeitet werden.

Die Generation der Söhne kann aber anders mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, mit Massenmord, Flucht und Vertreibung umgehen, als die betroffene Generation der Eltern. Weil sie der Zukunft entgegenstrebt, weil die Gräuel ihnen nur in Form von Erzählungen präsent sind. In der Figur des Enkels Samuel bei Müller spielen diese deutsch-polnischen Gräben und Fallstricke scheinbar überhaupt keine Rolle mehr. Neben dem Motiv der Reise hat interessanterweise auch die Kunst einen besonderen Stellenwert. Bei Müller sind es die dramatischen Werke Gałczyńskis, bei Wolfram die immer wieder eingerückten Zitate aus dem Tagebuch des schottischen Schriftstellers Boswell. Beiden Autoren gemein ist, dass sie, jeder auf seinem Gebiet und gemessen an den Werten ihrer Epoche, unbedingt als Avantgardisten und regelrechte Draufgänger gelten müssen. Beschäftigen sich die Protagonisten zunächst noch auf deutschem Boden eher theoretisch mit deren Werken, scheinen sie auf polnischem Boden einen Teil derer Impulsivität zu verinnerlichen. Die Reise in die „Alte Heimat“, die Möglichkeit einer neuen Liebe und die Kraft des künstlerischen Wortes sind die Koordinaten eines bis dahin unbekannten Raumes, in dem sich die Figuren Müllers und Wolframs neu erfinden und schließlich über sich selbst hinauswachsen können.

Die Bücher:

Gernot Wolfram: Samuels Reise. Roman

Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2005
ISBN-13 9783421058317
Gebunden, 208 Seiten, 18,90 EUR

Müller, Olaf: Schlesisches Wetter. Roman

Berlin Verlag, Berlin 2003
ISBN 3827004438, Gebunden, 236 Seiten, 18,00 EUR

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18. Deutsch-Polnisches Jugendforum in Heppenheim

Lesung und Gespräch mit Schriftsteller Artur Becker und Manfred Mack (DPI) unter dem Titel „Annäherungen an Czesław Miłosz“ waren kultureller Höhepunkt der zweitägigen Veranstaltung

Artur Becker und Manfred Mack bei der Lesung und Gespräch über Czeslaw Milosz am Aschermittwoch in Heppenheim

Bereits zum dritten Mal war das Haus am Maiberg (Akademie für politische und soziale Bildung) in Heppenheim Veranstaltungsort für das Deutsch-Polnische-Jugendforum. Organisiert wurde die Begegnung vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk und dem Hessischen Jugendring. Am Mittwoch, 9. und Donnerstag, 10. März, kamen in Heppenheim Lehrer, Pädagogen und Fachkräfte der Jugendarbeit aus Polen und Deutschland zusammen. Die meisten Gäste stammten aus Wielko-Polska und dem hessischen Raum. Das Forum dient als Plattform für Fachkräfte aus der Jugendarbeit, den Jugendverbänden, der Schule, den Städte- und Kreispartnerschaften, den Partnerschaftsvereinen und der außerschulischen Bildung und bietet neben der Diskussion auch stets die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, sich auszutauschen oder gemeinsame Projekte anzustoßen.

1990, das Paradox von objektiven Erfolgen und subjektiv empfundenen Enttäuschungen bzw. fehlendem Bewusstsein für die demokratischen Errungenschaften. Kultureller Höhepunkt war zweifelsohne die Lesung und das Gespräch von Artur Becker und Manfreck Mack (DPI Darmstadt). Rund 60 Gäste verfolgten den spannenden und anekdotenreichen Vortrag unter dem Titel „100 Jahre Czesław Miłosz“, der als Beitrag zum derzeit laufenden Miłoszjahr abgehalten wurde. Neben packenden Anekdoten zu Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers wurden auch einige seiner Gedichte in polnischer und deutscher Sprache vorgetragen. Die Diskussion um Themen und Aktualität des Werkes des in Litauen geborenen „Dichters des Jahrhunderts“ war so packend, dass Becker, der neben seinem neuesten Roman „Der Lippenstift meiner Mutter“ auch eigene Lyrikbände im Gepäck hatte, gar nicht mehr dazu kam, seine eigenen sprachlichen Kunstwerke vorzustellen. Lediglich das Gedicht „In der Kopernikusstraße“ aus dem Gedichtband „Ein Kiosk mit elf Millionen Nächten“ konnte er seinen gebannt lauschenden Zuhörern zu Gehör bringen. Gerade die metaphysischen Akzente in Miłoszs Werk haben es Becker angetan. Kaum ein deutschsprachiger Gegenwartsdichter hat sich in seinem Werk so intensiv mit dem „Katastrophisten“ Miłosz auseinandergesetzt wie Becker. Der Chamisso-Preisträger thematisiert den polnisch-litauischen Exildichter in vielen seiner Romane, Essays und Gedichten auf und gilt als Miłosz-Experte, wie Diskussionspartner Manfred Mack vom Deutschen Polen Institut Darmstadt den Zuhörern versichern konnte:

Artur Becker und Manfred Mack führten nicht einfach nur in Leben und Werk des Literaturnobelpreistägers ein, zahlreiche unterhaltsame Anekdoten verliehen dem Abend Würze.

„Czesław Miłsoz spielt in Artur Beckers Leben eine besondere Rolle.“ Dabei verdeutlichten sowohl Mack als auch Becker, dass vor der Verleihung des Literaturnobelpreises (1980) Miłosz auch in Polen noch ein „großer Unbekannter“ gewesen sei – gekannt und beachtet lediglich von wenigen Oppositionellen wie Adam Michnik und jungen Schriftstellern. Diese zeigten sich von Miłoszs Entwicklung vom „Flirt mit dem Kommunismus“ bis zum Entstehen der Großessays wie „Zniewolony umyśl“ (Verführtes Denken) beeindruckt. Becker lobte das Vorwort Karl Jaspers in der deutschen Übersetzung und strich den Stellenwert des Buches als „Bibel der Dissidenten“ hervor – das noch heute in fast allen totalitären Regimen gelesen werde. Trotz seiner Veröffentlichungen beim Exilverlag KULTURA wurde Miłosz von vielen bis in die 70er Jahre hinein in erster Linie als Übersetzer von Zbiginiew Herbert ins Englische wahrgenommen und nicht als „Erster der polnischen Dichter des 20. Jahrhunderts“, wie es später heißen würde.

Als besonders unterhaltsam stellten sich die zahlreichen Anekdoten heraus, die Becker mit im Gepäck hatte. Er berichtete davon, wie er einmal als junger Schriftsteller Miłosz einen Brief geschickt hatte. Beigefügt war ein Gedicht Beckers, das einen Spaziergang Miłoszs mit dessen Bruder thematisiert. Miłoszs Antwort kam prompt: Gerade den jungen Dichtern fehle so häufig die Kraft zum einfachen Schreiben! Beigelegt war Miłosz Gedicht „The hours“. Zornig dachte sich Becker: „Einfach Schreiben? Das musst ausgerechnet Du mir sagen!“ – zu Herzen hat er sich die Worte dennoch genommen. Becker berichtete vom schwierigen Verhältnis des Dichters zu Deutschland. Er habe sich auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 2000 sichtlich unwohl gefühlt. Zeit seines Lebens habe er Deutschland gemieden, was vor der Erfahrung der Kriegsverbrechen und des Naziterrors verständlich sei.

Eine andere Anekdote drehte sich um die Miłoszverse auf dem Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter von 1970. Miłosz soll sich für diese Verse im Nachhinein geschämt haben, die doch nichts von ihrer Poesie und Kraft eingebüßt haben, wie der Vortrag zeigte. Auch von seinen Romanen habe Miłosz später Abstand genommen – vermutlich, weil er nach polnischer Tradition in der Lyrik die Königsklasse der Dichtung gesehen habe. Becker gab zu bedenken, dass diese fixe Idee auch heute noch in vielen Köpfen fest verankert sei. Er selbst habe sich allerdings von dieser Vorstellung gelöst und versuche mit seinen Romanen zu beweisen, dass die Prosa neben ihrem Unterhaltungswert ebenso in die Tiefe gehen könne.

Manfred Mack stellte Becker die Frage, weshalb es sich heute noch lohne, Miłosz zu lesen? Die Antwort Beckers war deutlich: Miłosz sei ein „Türöffner mit großen europäischen Wurzeln“, dem als Zeitzeuge des gesamten 20. Jahrhunderts inklusive Warschauer Aufstand und Aufstieg und Fall des Sowjetimperiums eine enorme Bedeutung zukomme. „Als Katastrophist hat Miłosz sich intensiv mit dem Aufstieg und Fall der Reiche, der Menschen und des Universums beschäftigt“, kommentierte Becker auch die metaphysischen Bezüge in Miłoszs Werk. So sei sein Naturbegriff geradezu „häretisch“: die Grausamkeit und Gleichgültigkeit der Natur bei Miłosz zeige, wie sehr er von manichäischen und gnostischen Ideen beeinflusst gewesen sei. Auch Manfred Mack sparte nicht mit lobenden Worten für Miłosz und legte den Gästen unter anderem „Mein ABC“ ans Herz. Für Manfred Mack ist es vor allem die „Authentizität“, die Miłoszs Leser beeindrucke. So habe Miłosz in seinem französischen und später US-amerikanischen Exil „nicht für, sondern gegen sein westliches Publikum angeschrieben“. Und auch mit seinen jüngeren Kollegen, die nach 1989 debütierten, ging Miłosz hart ins Gericht: Die meisten von ihnen würden sich blindlings dem westlichen Mainstream ergeben. In der Literatur dürften solche Masken, wie sie jeder Dichter tragen müsse, allerdings niemals das Eigene verdecken.

Zahlreiche weitere Anekdoten über Miłoszs Treffen mit Albert Einstein und seinem Verwandten Oscar de Miłosz, über die Abenteuer von Beckers Großmutter Frankowskas im G.G. Warschau oder über den Dichter Joseph Brodsky, der mit Vorliebe seine Zigarettenstummel in Blumenkübeln auszudrücken pflegte, wurden an diesem Abend mit den Zuhörern geteilt. Unter ihnen auch Jerzy Andrzejewskis „Theorie des letzten Złoty“.

An lyrischen Beitragen erwartete das Publikum die Gedichte: „Der Fluss“, und „Campo die Fiori“ sowie das berühmte Vorwort aus Miłosz Gedichtband „Ucalenie“ (Rettung) in deutscher Übertragung und teilweise im polnischen Original – im Wechsel von Mack und Becker vorgetragen. Manfred Mack verwies auf die Schwierigkeiten, Miłoszs Verse in Deutsche zu übersetzen: „Miłoszs Verse klingen im Deutschen furchtbar pathetisch – das ist im Original ganz anders.“ Übersetzungen, die immer nur einen schmalen Auszug aus Miłoszs Werk abbilden, liegen von Karl Dedecius und Doreen Daume vor. In seinem Lyrikband „Ein Kiosk mit elf Millionen Nächten“ wagt sich auch Becker an Miłoszs Verse heran. Für alle jene, die dem Polnischen nicht nahezu perfekt mächtig sind, führt der Weg zu Miłoszs Lyrik auch noch im Jahr des 100. Geburtstages des Literaturnobelpreisträgers über die Englischen Übersetzungen.

Hauptgegenstand des Forums waren aber natürlich die Workshops: großes Interesse brachten die Teilnehmer den Fördermöglichkeiten und inhaltlichen Anregungen für Austauschprojekte entgegen. Gleichzeitig berichteten die Teilnehmenden von oftmals schwierigen Rahmenbedingungen in der Schule oder im Verein. Neben den Finanzierungsproblemen macht die immense Arbeitsbelastung den Organisatoren zu schaffen, die zumeist ehrenamtlich tätig sind. Mangelndes Interesse der Kollegen und der Elternschaft trägt mitunter zur Frustration der Teilnehmer bei.

Diskutiert wurden zudem Ansätze von interkulturellem Lernen und die Möglichkeit, sich von der Festschreibung deutscher und polnischer Identität in Form von Stereotypen zu distanzieren. Ein Praxistest sollte dabei helfen, Vielfalt während einer Jugendbegegnung sichtbar zu machen und das Rollendenken in der Form „deutsche Gruppe und polnische Gruppe“ aufzubrechen. Darüber hinaus wurden Methoden der Sprachanimation zum spielerischen Umgang mit Sprachen erprobt. Ziel hierbei war es, Sprachhemmnisse zu überwinden und die Gruppendynamik zu fördern. Auch Angebote der Gedenkstättenpädagogik, u.a. in der KZ-Gedenkstätte Osthofen wurden diskutiert.

Chamisso-Preisträger Artur Becker konnte zahlreiche Anekdoten und Geschichten zu Leben und Werk von Czeslaw Milosz beisteuern.

Mit etwa 60 Besuchern war die Lesung sehr gut besucht. Kein Platz blieb unbesetzt im Haus am Maiberg in Heppenheim

Die schwierigen Bemühungen zur Förderung des polnischen Sprachunterrichts an deutschen Schulen war ebenfalls eines der Dauerthemen. Obwohl laut EU-Förderaufträgen die Rahmenbedingungen für einen Sprachunterricht günstig sind, gibt es bei der praktischen Umsetzung noch immer immense Schwierigkeiten. Ein Punkt dabei ist die Frage: Polnisch für wen? Soll sich der Unterricht an Kinder von Einwandererfamilien richten, die über Vorkenntnisse verfügen oder an die Allgemeinheit? Obwohl das DPI mit Herausgabe des ersten Polnisch-Lehrbuches für Schulen die Grundlage für einen Schulunterricht legte, ist man der Umsetzung kaum einen Schritt näher gekommen. Die Anerkennung der Lehrqualifikation für den Polnischunterricht ist nämlich ein weiteres Streitthema. So wird es vermutlich noch für die nächsten Jahre eine Ausnahmeerscheinung bleiben, dass eine Schülerin des Elisabethen-Gymnasiums in Frankfurt im Abitur ihre Polnischkenntnisse einbringen kann.

Auch Manfred Mack trug mit viel Ausdruck Lyrik des Literaturnobelpreisträger vor. Darüber hinaus problematisierte er die Schwierigkeit, dessen polnischsprachigen Gedichte ins Deutsche zu übertragen.

Auch nach der Lesung gab es die Möglichkeit zur Diskussion. Im Weinkeller saß man bis in die Nacht zusammen.

Am Donnerstag gegen 14 Uhr referierte der neue Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaften, Dietmar Nietan, über das Thema „1991 bis 2011 – Vom Freundschaftsvertrag zur ersten polnischen EU-Ratspräsidentschaft“. Diesem Referat schloss sich ein Gespräch an. Die Diskussion drehte sich hierbei um den Stand der deutsch-polnischen Beziehungen. Hier ist für den Zeitraum der letzen 20 Jahre eine Entwicklung zu einer “erwachsenen Partnerschaft” zu erkennen, in dem auch „Aufreger“ wie etwa um Erika Steinbach bloß Makulatur sind. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, sondern ist mit Hinblick auf „die schwierigen und asymmetrischen Beziehungen seit dem 18. Jahrhundert als großer Erfolg zu verbuchen“, wie Stephan Schwieren (Haus am Maiberg) zusammenfasste.

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Rezension zur 1. deutschsprachigen Ausgabe von Arkady Fiedlers “Staffel 303″

Arkady Fiedler: Staffel 303. Die polnischen Jagdflieger in der Luftschlacht um England.

Als der Weltenbummler und Abenteuer Arkady Fiedler von September bis Oktober 1940 seine patriotische Reportage „Dywizjon 303“ schrieb, hatte er sicherlich nicht vor Augen, dass dies schon bald sein berühmtester Text werden würde. Seine leidenschaftliche Beschreibung des kriegsentscheidenden Luftkampfes um England wurde vielleicht nicht zu einem Best-, sehr wohl aber einem Steadyseller, der viele Auflagen erlebte. In seiner vor Pathos strotzenden Reportage setzt er der bereits damals zur Legende gewordenen Division 303 Kościuszko – eine der beiden polnischen Jagdfliegerstaffen, die an der battle of Britain auf englischer Seite beteiligt waren – ein kraftvolles literarisches Denkmal. Die übrigen 145 polnischen Jagdflieger wurden auf die britischen Flugstaffeln verteilt. Ganz sicher ist dem Oberleutnant Fiedler als Beobachter jener kritischen Phase des Zweiten Weltkriegs, in der den Nazitruppen noch der Nimbus der Unbesiegbarkeit anhaftete, nicht einen Augenblick auf die Idee verfallen, sein Buch würde in absehbarer Zeit auch in deutscher Sprache erscheinen. Er sollte Recht behalten. Auch zu Zeiten des Untergrundstaates und während der darauffolgenden sozialistischen Diktatur wurde „Dywizjon 303“ aber immer wieder im Polnischen Orginal neu aufgelegt. Kurz nach seinem Erscheinen wurde sein Buch ins Englische, später auch in weitere Sprachen übersetzt. Lange Zeit wurde dabei wohlweislich gerade das letzte Kapitel unterschlagen, in dem Fiedler Stellung zur polnischen Exilregierung nimmt – deren Flucht nach Frankreich und England er selbst mitverfolgen konnte – und ausdrücklich vor dem sozialistischen Imperialismus warnt.

Jarosław Ziółkowski ist es  zu verdanken, dass nun, nach 70 Jahren, eine von ihm besorgte deutsche Übersetzung erschienen ist. Ziółkowski ging sogar noch weiter und gründete eigens den Verlag „Staffel 303“ und kümmert sich höchstpersönlich um den Vertrieb des Buches. Wer weiß, wie lange es ansonsten gedauert hätte, das deutsche Publikum mit dieser Veröffentlichung bekannt zu machen? Es ist nicht Ziółkowskis erste Pioniereistung in dieser Richtung: Der gebürtige Danziger lebt seit den 80er Jahren in Bochum. Er übersetzt in beide Richtungen, und das mit beeindruckender Wortgewandheit. Ins Polnische hat er u.a. den von Hans Magnus Enzensberger geförderten Autoren Christoph Ransmayr übertragen. Die Robert Bosch Stiftung sprach ihm für seine 2003 erschienene Übersetzung von Marcel Beyers “Flughunde” (“Latające psy”) den Übersetzerpreis des Jahres 2000 zu.

Fiedlers Werk entstand innerhalb weniger Wochen während eines Sonderurlaubs des eigentlich in Schottland stationierten schreibenden Oberleutnants. Während des Höhepunktes der Luftangriffe auf England im September 1940, die eine Invasion der Insel durch die Wehrmacht ermöglichen sollte, lebte Fiedler unter den verbissenen Kampfpiloten, sammelte die Geschichten der polnischen Männer, rekonstruierte ihre waghalsigen (und doch nur wenige Minuten dauernden) Gefechte, trank mit den Piloten und freundete sich sogar mit ihnen an. Sein Buch ist eine Absonderlichkeit, eine vielköpfige Hydra. Militärtaktische Gefechtsanalyse, zorniges Pamphlet gegen die satanischen deutschen Imperialisten, glorifiziernde Heldensage der effektivsten Luftkampftruppe der R.A.F. (Royal Air Force), eine wahre Ikone der Emphasis und des Pathos. Aber es ist auch mehr. Staffel 303 übt einen eigentümlichen und schwer zu beschreibenden Reiz aus. Trotz der unverholenen Schwarz-Weiß-Färbung der Kriegsparteien und einem Hang zur Glorifizierung der polnischen Piloten, trotz und aufgrund der unzähligen Tiermetaphern und –vergleiche, die die Gewalten des mechanischen Tötens in die Sphäre des Natürlichen überführen wollen: Wer verstehen will, wie sich der Krieg aus polnischer Perspektive im Cockpit einer britischen Hurricane anfühlte, der muss zu diesem Buch greifen. Fiedler geht es um Unmittelbarkeit, um Plastizität und um persönliche Schicksale, die er mit großem literarischen Geschick zeichnet. Aus seiner Parteilichkeit sollte man ihm keinen Vorwurf machen. Seine deutliche Verurteilung des Bombenkrieges und der Expansiongelüste des vermeintlich tausendjährigen Reiches können aus historischer Perspektive keinen Makel darstellen. Auch heute noch trägt gerade dieser Hang zum Pathetischen, zur starken Shilouette, dazu bei, ein lebendiges Bild von den Wochen des Luftkrieges über England zu zeichnen. Insbesondere die Rolle der polnischen Jagdflieger der Dywizjon 303 steht dabei natürlich im Mittelpunkt. Neben den aufschlussreichen Beschreibungen kommt Fiedlers Buch auch als Zeitdokument Bedeutung zu. Dass die deutschen Leser endlich zu diesem rundherum empfehlenswerten Buch greifen können, ist allein der Tatkraft Jarosław Ziółkowskis zu verdanken. Ziółkowski hat nicht bloß Fiedlers Werk übersetzt und herausgegeben. In seinem Vorwort rekonstruiert er kurz und bündig die Geschichte des Buches und seiner Auflagen. Zudem liefert er einen wertvollen Überblick über die Bedeutung der polnischen Truppen, die auf Seiten der Alliierten auch lange nach dem Überfall Polens gegen Hitlers Truppen kämpften. Es ist zu hoffen, dass dies dazu beiträgt, mit den ewig unwahren Vorurteilen aufzuräumen, die der NS-Propaganda entstammen, und die man auch heute noch immer wieder zu hören bekommt. Mit nichts als Pferden haben die rückständigen Polen sich den Panzern der Wehrmacht entgegengeworfen, heißt es bspw. immer wieder; ein Versuch, die Polen als rückständig und unterlegen darzustellen und den niemals ermüdeten Widerstand gegen die Besatzer und den hohen Blutzoll zu degradieren, den das polnische Volk im von den Deutschen aufgezwungenen Vernichtungskrieg erleiden musste. Ein Anhang mit 21 Farbfotografien rundet den 2010 erschienen Band ab.

Auch die WELT lobte übrigens die deutsche Übersetzung des Buches in ihrer Rezension vom August 2010. Allerdings wird dort fälschlicherweise behauptet, in der Staffel 303 wären mehrere tschechische Piloten geflogen. Nur ein Tscheche war allerdings darunter, dessen Charakter und Schicksal von Fiedler jedoch sehr genau ausgeleuchtet wird:

http://www.welt.de/kultur/article9053612/So-mutig-kaempften-die-Polen-gegen-die-Luftwaffe.html

Das Buch: Leinenband mit Schutzumschlag, ca. 23 x 17 cm groß, 176 Seiten, 62 Fotos – davon 22 in Farbe, Vorwort über die Beteiligung der Polen am Kampf gegen Nazideutschland in den Jahren 1939-1945;
Preis 22,50 Euro

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Neujahrsempfang der DPG Mainz-Wiesbaden e.V.

Am 19. Januar wurde im Sportinstitut der Mainzer Uni gefeiert / Filmvorführung mit Andrzej Klamt und polnische Leckerbissen

Szene aus Andrzej Klamts Film "Dreiländereck"

Am Mittwochabend, 19. Januar 2011, hatte die Deutsch-Polnische-Gesellschaft Mainz / Wiesbaden e.V. zu ihrem traditionellen Neujahrsempfang eingeladen. Ehrengast der Veranstaltung war der preisgekrönte Regisseur Andrzej Klamt. Es war für den in Schlesien geborene Filmemacher nicht seine erste Filmvorführung bei der DPG Mainz-Wiesbaden. Erst im September letzten Jahres war er der Einladung der DPG gefolgt und mit seinem Film „Sterben für Danzig“ im Hörsaal 2 des Sportinstituts zu Gast. Damals moderierte der Filmjournalist Günther Wagner die gut besuchte Veranstaltung. Auch dieses Mal war Wagner mit von der Partie, aber nicht als Moderator, sondern als einer der gut gelaunten Gäste, die gemeinsam mit dem Kulturverein das neue Jahr begrüßen wollten.

Vorstandsmitglied Prof. Hans-Volkhardt Ulmer, der die Veranstaltung organisiert hatte, begrüßte die Gäste um 19 Uhr im Stufensaal des Sportinstituts und sprach einige einleitende Worte zum Film „Theaterlandschaften spezial: Dreiländereck“. Die 45minütige Reportage beschäftigt sich mit der Geschichte und dem Wandel der Theaterlandschaften im Dreiländereck zwischen Nordböhmen (Tschechische Republik), Lausitz (Deutschland) und Schlesien (Polen). Die Region an der Neiße, gelegen im Schatten des Riesengebirges, verfügt über eine wechselvolle Geschichte, die gerade im 20. Jahrhundert von Krieg, Vertreibung und politischen Umbrüchen gekennzeichnet war. Heute verbindet der einstige Grenzfluss die Länder zu einer gemeinsamen Region, der „Europaregion Neiße“. Esther Schweins moderiert im Film die einzelnen Beiträge und entführt die Zuschauer ins Görlitz, Jelenia Góra und Liberec von damals und heute. 2008 waren Andrzej Klamt und Redakteurin Bettina Kasten im Neuen Palais von Potsdam-Sanssoussi für ihre Reportage mit dem Deutsch-Polnischen-Journalistenpreis ausgezeichnet worden. Zum Schreck der DPGler zeigte die Technik sich an diesem Abend allerdings von ihrer tückischen Seite: Immer wieder blieben die DVDs „hängen“ und die ansonsten bewegten Bilder, die über einen Beamer an die Wand geworfen wurden, kamen zum Stillstand. Offensichtlich vertrugen sich der DVD-Player und die runden Scheiben nicht miteinander, denn selbst ein Wechsel der Platten zeigte keinerlei Erfolg. Nach rund 20 Minuten des Filmvortrags blieb nichts anderes übrig, als vor der widerspenstigen Technik zu kapitulieren.

Im benachbarten Saal ging es dann umso eher zum gemütlichen Teil des Abends über: Die polnischen Köstlichkeiten aus dem „sklep“ U Ewy in Mainz (Kaiser-Karl-Ring 13) ließen den Gästen das Wasser im Mund zusammenlaufen: eine große Auswahl an herzhaften Wurstwaren, Gürkchen und Käsespießen mussten nicht lange warten, bis sich an ihnen gütlich getan wurde. Neben einigen alkoholfreien Getränken wurde natürlich auch mit polnischen Bieren angestoßen. Und jene Gäste, die nicht mit dem Auto angereist waren, konnten sich natürlich auch am „wściekły pies“ (tollwütiger Hund) versuchen.

Hierbei wird Wodka mit rotem Sirup übergossen, so dass im Glas die Farben der polnischen Flagge zu sehen sind, da der dicke Sirup auf den Boden des Glases absinkt und für einen sanfte und süße Note beim Trinken sorgt.

Beim gemütlichen Beisammensein kam man rasch miteinander ins Gespräch und die DPG konnte sich neben alten Freunden auch über ganz neue Gesichter freuen, die als jüngste Mitglieder natürlich herzlich aufgenommen wurden. Und eine gute Nachricht konnte Andrzej Klamt ebenfalls zu guter Letzt vermelden: Für alle, die sich nicht mit dem abrupten Ende der Filmvorführung abfinden wollten, hatte der Filmemacher eine DVD mit seiner Reportage im Gepäck.
Neue Gesichter sind bei der DPG Mainz / Wiesbaden stets willkommen.

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Leif Murawski: „Polnisch-jüdische Geschichte der letzten zwölf Jahrhunderte“

Am 1. Dezember konnte die Deutsch-Polnische Gesellschaft im ehemaligen Fakultätssaal im Philosophicum der Mainzer Universität Leif Murawski begrüßen. Der erste Vorsitzende Tomaz Horyd konnte dem Publikum, das sich im Rahmen der Studium Generale Veranstaltung eingefunden hatte, nicht nur einen kleinen Vorgeschmack auf den Vortrag bieten. Er hob vielmehr hervor, dass das Thema Antisemitismus nach wie vor ein akutes Thema in Polen wie auch in Deutschland sei, dem sich die DPG Mainz-Wiesbaden bereits mit zahlreichen Veranstaltungen angenommen hat und auch in Zukunft annehmen wird. Der missglückte Brandanschlag auf die Mainzer Synagoge gibt im Übrigen Auskunft darüber, dass auch in Deutschland eine judenfeindliche Stimmung virulent ist. Leif Murawski konnte später in seinem Vortrag ergänzen, dass der deutsche Antisemitismus sich durch das Merkmal des Heimlichen auszeichne, wohingegen der polnische Antisemitismus offen ausgelebt werde. Dafür konnte er die lebhafte Debatte um den Massenmord in Jedwabne und die Emigrationswellen jüdischer Bürger aus Polen  nach dem Zweiten Weltkrieg und in den späten 60er und 70er Jahren als Beispiel anfügen. Für Leif Murawski war es ein freudiges Wiedersehen mit der Mainzer Universität, wo er Slavistik, Germanistik und im Rahmen der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft auch Jiddisch studiert hatte. Leif Murawski, der vor dem Abschluss seiner Dissertation über den russischen Symbolisten Konstantin D. Bal’mont steht, arbeitet in der Frankfurter Bahnhofsmission als Sozialarbeiter. Bereits seine Großmutter war dort beschäftigt. Aus dieser Tätigkeit heraus entstand das sehr lesenswerte Buch: „Menschlichkeit am Zug“, dass 2008 erschien und in vielen interessanten Anekdoten auf 113 bewegte Jahre der Frankfurter Bahnhofsmission zurückblickt. Leif Murawski gestaltet literarische Abende, hält Vorträge – unter anderem auch am Mainzer Polonicum – und übersetzt aus der russischen und polnischen Literatur.

Am ersten Dezemberabend sollte es in seinem Vortrag um eine Übersicht über die gemeinsame polnisch-jüdische Kultur der letzten 1.200 Jahre gehen. Murawski vermittelte zu Beginn seines Vortrages einen Überblick über die Geschichte der Diaspora und sprach über die SCHUM-Städte ebenso wie über die  Pogromwellen, die eine Reaktion auf die Pest waren, und in deren Folge viele Juden nach Osten auswanderten. Durch Legenden ist die Geschichte dieser Wanderungsbewegung heute noch nachvollziehbar. In Polen bildeten sich, dank des finanziellen Interesses der Szlachta sowie der polnischen Könige an dem neuen „dritten Stand“, der zwischen Adel und Bauerntum stand und eine „funktionelle Leerstelle“ füllte, eine eigenständige jüdische Kultur heraus. Grundlage dafür war der Schutz durch den König, der bereits von Boleslaw dem Frommen rechtlich verankert wurde. Die einzigartige Sztetl-Kultur bildete sich heraus, und das Jiddische erfuhr einen starken Einfluss durch die slavischen Sprachen. Gleichzeitig wuchs der Einfluss des Hebräischen ebenfalls, Resultat einer „Rückbesinnung“ und kulturellen Blütezeit des Judentums.  Ab dem 15. Jahrhundert verstärkte sich die antijüdische Stimmung zusehends, während den Kreuzzügen kam es auch in Polen zu Pogromen. Für die katholische Kirche stellt die Aufwiegelung der Menschen in diesen Jahrhunderten einen dunklen Teil ihrer Geschichte dar. Eine Katastrophe gravierenden Ausmaßes war der Kosakensturm im Jahre 1648, dem mehr als 100.000 Juden zum Opfer fielen. Gleichzeitig verstärkte sich die antisemitische Stimmung zusehends. Murawskis Vortrag ließ verschiedene Perspektiven auf die Geschichte zu ihrem Recht kommen. So bezeichnete er den Kosakensturm auch als „einen antikolonialen Aufstand“. Resultat dieser Zeit, die dem „goldenen Zeitalter“ der polnisch-jüdischen Geschichte ein Ende bereitete, war auch eine Hinwendung der Juden zur Kabbala, zum Mystizismus und die Geburt des Chassidismus. Rabbi Baal Schem Tow gilt als Gründungsfigur des osteuropäischen Chassidismus, der neben dem Studium des Talmud und der Tora das persönliche Erlebnis in den Mittelpunkt des Glaubens stellt. Tanz, Gesang und Ekstase erfahren so einen bedeutend höheren Stellenwert. Dies wurde durch einen bisher unübersetzten Text des Krakauer Philosophen Henryk Halkowski deutlich, der die Dogmenfreiheit und den Pluralismus als den Kern des osteuropäischen Judentums identifizierte. Diese Werte seien nur durch die Autonomie der einzelnen Rabbiner und einen kulturellen Willen zur Meinungsfreiheit möglich. Tugenden, die in Zeiten des polnisch-litauischen Vielvölkerstaates in Blüte standen. Dennoch, so machte Murawski seine Zuhörer aufmerksam, dürfe man weder die Heterogenität des Judentums noch die komplexe „Dialektik der Separierung“ durch die streng gesonderten jüdischen Viertel und Sztetl darüber aus dem Blick verlieren. Der heutige Begriff der Integration sei auf diese Zeit nicht anwendbar.

Murawski führte auch in die jüdische Aufklärung des 18. Jahrhunderts ein, die in Westeuropa zum Aussterben des West-Jiddischen führte, da die Juden dort die Landessprache übernahmen, während die osteuropäischen Juden zahlreiche jüdische Schulen und Universitäten eröffneten, um das Hebräische zu erforschen und auch außerhalb des Ritus wiederzubeleben. Ziel der Aufklärer, der bekannteste unter ihnen dürfte sicherlich Moses Mendelsohn sein, war es, die Isolation der Juden zu durchbrechen.

Anschließend kam Murawski auf die Teilungszeit zu sprechen. Hier zeichnete sich ab, dass die im zu Österreich-Ungarn gehörenden Gebiet lebenden Juden das stärkste Maß an Liberalität erfuhren, während im russischen Gebiet von einer planmäßigen Verelendigung der Menschen, vor allem der Juden, zu sprechen ist. Interessanterweise assimilierten sich die Juden im preußischen Teil des ehemaligen Polens sehr schnell, da sie sich nicht vordergründig zur polnischen Kultur zugehörig fühlten.

Das 19. Jahrhundert führte zu einem Massenelend unter der jüdischen Bevölkerung. Nur vereinzelt bildeten sich Fabriken und Zentren wie etwa in Łódż heraus. Die Verstädterung sorgte für grundlegende Veränderungen der Lebensweise. Viele fanden keine Arbeit im Handel, Bank- oder Geldwesen, in der die einstige durch den König garantierte Monopolstellung aufgehoben war. Die zunehmende Konkurrenz erzeugte antisemitische Strömungen, das Elend ließ den Typ des sogenannten „Luftmenschen“ entstehen. Viele Juden emigrierten in den Westen oder in die USA – zahlreiche andere Beteiligten sich an den Polnischen Aufständen. Leif Murwaski führte seine gebannten Zuhörer mit ruhiger Stimme nun ins 20. Jahrhundert.

Mit der zunehmenden Instrumentalisierung der Begriffe „Sprache“, „Ethnie“ und „Nation“ wurden die Juden zunehmend als „Fremdkörper“ verstanden, der Antisemitismus wurde zum „Bindeglied der Nation“ – die auf der Karte nicht mehr existierte. Murawski verdeutlichte, wie sich diese Entwicklung auch in der 2. Republik fortsetzen sollte. Nach einer kurzen Blüte der jiddischen Literatur und Filmindustrie, die in Warschau ansässig war, begann eine Epoche der Konflikte. Die nationalkonservativen Kräfte sahen vielerorts die Juden als Hauptfeinde der Polen an, und zwar noch vor den Stalinisten und den Nationalsozialisten.

Anhand von kurzen, eigenhändig übersetzten Texten der Literaten Irek Grin und Tadeusz Konwicki ließ Murawski diese Epoche lebendig werden. Anschließend kam der Vortragende auf die Schrecken des Holocaust zu sprechen. Dabei klammerte er weder aus, dass in Polen der größte Teil der „Gerechten unter den Völkern zu finden sei“ – noch, dass nur in Polen die Todesstrafe auf Judenrettung verhängt worden sei. Umso erschreckender seien die Pogrome, die nach der Befreiung der Konzentrationslager an den Juden von der polnischen Bevölkerung verübt worden seien. Hier verwies Murawski auf den Massenmord in Kielce 1946. Daraufhin, und gegen Ende der 50er Jahre hätten viele der Juden, von denen 6 1/2 Millionen von den Nazis ermordet worden waren, Polen verlassen um nach Palästina oder in die USA zu reisen. Während das Jahr 1967 durch den 6-Tage-Krieg den Abbruch der polnisch-israelischen Beziehungen zur Folge hatte, kam es schließlich mit dem Zusammenbruch des Sozialismus zu einer sichtbaren Renaissance der jüdischen Kultur. Heute leben in Polen schätzungsweise 8.000 – 12.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger.

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Rezension zu Artur Beckers Roman “Der Lippenstift meiner Mutter”

„Wenn Artur Becker eines kann, dann ist es dies: erzählen!“, lobte Tim Schleider in der Stuttgarter Zeitung vom 5. Oktober Beckers jüngsten Roman. „Der Lippenstift meiner Mutter“, der im Herbst diesen Jahres erschienen war, hat seitdem durchweg begeisterte Kritiken erhalten. Als geradezu euphorisch kann man die Porträts von Radio Bremen, dem HR2 und Matthias Balzners Kritik in der Berliner Zeitung bezeichnen, ohne dabei zu übertreiben. Klaus Hübner zeigte sich in der WELT am 9. Oktober darüber verwundert, weshalb Beckers jüngstes Werk nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden sei. Der Lippenstift sei der „beste Roman“ Beckers.

“Artur Becker ist schon lange kein Unbekannter mehr in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.”

Seinen Verfasser, den 1968 in Polen geborenen Dichter, Poeten und Übersetzer, bezeichnete er als „einen wortgewaltigen Chronisten“ des menschlichen Lebens in all seinen bunten Facetten. Nach 13 Büchern, zahlreichen Essays zur deutschen und polnischen Literatur, Geschichte und Kultur, diversen Aufenthaltsstipendien und Preisen (darunter 2009 der Adelbert-von-Chamissopreis) und über 400 Lesereisen ist Artur Becker kein Unbekannter in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mehr. Ein solch einstimmiges Kritikerlob wie für den Roman „Der Lippenstift meiner Mutter“ hat Becker aber bisher noch für keines seiner anderen Bücher erhalten – und in der Polarisierung der Kritikermeinungen hat er bisher auch noch nichts Schlechtes gesehen, wie der Autor auf einer Lesung während der Frankfurter Buchmesse verkündete. So zeigte er sich ein wenig misstrauisch angesichts der einstimmigen Lobeshymnen, die ihm, der als 17jähriger nach Deutschland gekommen war, im Lande Thilo Sarrazins plötzlich entgegenschlagen.

Was macht den Reiz dieses Buches aus?

Dolina Roz – von den deutschen Bewohnern einst Rosenthal genannt, ist der Schauplatz des temporeich erzählten Romans. Ein masurisches Nest in den späten 70er Jahren, im Würgegriff der grauen Realität des Sozialismus – könnte man meinen. Aber bereits mit den ersten Sätzen wird klar, dass hier, genau hier, im „Wilden Osten“ Polens, die Zeit reif ist für einen sensationellen Widerstand, ja, eine Revolution im Kleinen. Das finden zumindest der 15jährige Bartek und seine Freunde, und es soll nicht lange dauern, bis eine Serie von Brandanschlägen den eisigen Winternächten Dolina Rozs mächtig Leben einhaucht.

“Das Herzstück des Romans bildet aber gar nicht seine Handlung, sondern der reiche Kosmos seiner Figuren.”

Das Herzstück des Romans bildet aber gar nicht seine Handlung, sondern der reiche Kosmos seiner Figuren. Das wird auch durch den Schutzumschlag verdeutlicht, auf dem sie alle versammelt sind: die stalinistische Dichterin Natalia, der verschlagene Schtschurrek, der Mörder und Wunderheiler Baruch, die verführerische Dorfschönheit Maria, der weibstolle Verführer Opa Franzose und natürlich die Schuster des Städtchens, deren Schusterwerkstatt zum Nabel der Welt, zu einem kleinen Europa wird: der preußische Soldat Opa Monte Cassino und sein patriotischer Widersacher Kronek ebenso wie der chassidische Jude Lupicki,  der aus der Ukraine stammt. Alle diese und noch einige weitere Figuren lernt der Leser während der Lektüre kennen und lieben, kann über sie lachen, wenn sie nackt vor dem Spiegel tanzen und mit ihnen fühlen, wenn sie unglücklich verliebt sind und in ihrem pubertären Zorn vor allem eins wollen: von zu Hause abhauen. Unter der Oberfläche verhandelt der Roman die Themen Sexualität und pubertäre Selbstfindung auf verblüffend neuartige Weise. So kommt bspw. dem titelgebenden Lippenstift ein symbolischer Wert zu. Außerdem greift Becker das problematische Verhältnis vieler Polen (und Deutscher) zur Homosexualität auf.

Daneben brilliert der Roman auch mit seinem reichen Fundus von literarischen Anspielungen auf vor allem polnische Autoren wie Bruno Schulze, Witold Gombrowicz, Wislawa Szymborska, Adam Mickiewicz und Czeslaw Milosz. Letzterer hatte seine polnischen Leser 1982 mit der „Hymne von der Perle“ bekannt gemacht, jenem gnostischen Text aus den Thomasapokryphen, der in poetischen Versen und Bildern vom Fall und Aufstieg der Seele kündet. Becker lässt den gealterten Eisenbahner und Abenteurer „Opa Franzosen“ seinem Enkel Bartek eben diese Geschichte erzählen, kurz vor dem Einschlafen in abgetragener Unterwäsche auf Rand eines Bettes sitzend. Aber auch Fryderyk Nietzsche, der sich selbst als einen Abkömmling eines polnischen Adelsgeschlecht stilisierte, geistert durch den Roman.

Das Buch ist sehr dicht, dabei flott und mit viel Freude am Fabulieren erzählt – ein Hauch von Phantastik und ein Schuss mit eingeflossener Biographie des Autors geben dem brillianten Roman Beckers den letzten Schliff. Die Stimmung ist wesentlich heiterer als in den letzten Bücher Beckers – da bereitet die Lektüre gleich doppeltes Vergnügen.

Artur Becker: Der Lippenstift meiner Mutter. Frankfurt a/M: weissbooks 2010. 19,80 €.

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Klavierabend mit Joanna Marcinkowska

Am Samstag, 6. November 2010 nahmen viele Mitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden e.V. den Weg ins Kennedy-Haus in Darmstadt auf sich. Die Anfahrt hatte sich gelohnt, denn der Klavierabend mit der polnischen Pianistin Joanna Marcinkowksa war wirklich erlebenswert und fand in gemütlicher Atmosphäre statt. Iwona Derecka-Weber hatte sich im Hintergrund liebevoll um Karten, Sitzplätze und alle weiteren Eventualitäten gekümmert, und die DPGler konnten sich über eine persönliche Begrüßung des Vorsitzenden der Chopin-Gesellschaft Maciej Łukasczczyk freuen. Die Künstlerin, die bereits aus mehr als zwanzig nationalen und internationalen Wettbewerben als Siegerin hervorgegangen war (u.a. beim Internationalen Artur-Rubinstein-Wettbewerb in Bydgoszcz und dem gesamtpolnischen Kammermusikwettbewerben in Breslau) darf als künftiger Stern am Pianistenhimmel gelten. Mit Auszeichnung hat sie das Studium an der Paderewski-Musikakademie in Posen in der Klavierklasse von Prof. Waldemar Andrzejewski absolviert, der sie zu seiner Assistentin machte. 2006 promovierte sie zum Doktor der Kunst. Marcinkowska wurde durch zahlreiche Klavierabende in ganz Europa, den USA und China bekannt und wirkte als Solistin in verschiedenen Sinfonieorchestern mit, u. a. bei den Internationalen Chopin-Festivals in Duszniki, in Wien und im Salzburger Mozarteum, in Hannover war sie zudem bei „Preisträger am Klavier“ zu hören. Außerdem machte sie bereits bei zahlreichen polnischen Festivals, beispielsweise in Slupsk, in Lódź und Szeczin von sich reden. Zahlreiche Aufnahmen für das Fernsehen, den Rundfunk und CD-Aufnehmen sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache. Und auch bei der Chopin-Gesellschaft in Darmstadt ist die Künstlerin nicht unbekannt: Im Jahr 2002 gewann sie hier den VII. Europäischen Chopin-Wettbewerb.

Das Fryderyk Chopin Konzert in Darmstadt bildete den Abschluss einer lockeren Konzertreihe, die die Chopin-Gesellschaft anlässlich des 200. Geburtstags des wohl berühmtesten polnischen Komponisten gewidmet hatte. Zu hören waren mehrere Polonaisen, Walzer, Mazurken und Nocturnen des „Dichters am Klavier“, die Marcinkowska mal gefühlvoll, mal energisch interpretierte. Ganz im Stile des romantischen Genies Fryderyk Chopin. Weitere Hinweise unter www.chopin-gesellschaft.de

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„Sterben für Danzig“

Andrzej Klamt und Günther Wagner wohnten Filmvorführung bei / Veranstaltung zog viele Interessenten an

Zahlreiche Gäste wollten sich die Filmvorführung nicht entgehen lassen.

Am 30. September 2010 fand eine gute besuchte Veranstaltung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden e.V. statt. Rund 30 Interessierte fanden den Weg in den Hörsaal 2 des Instituts für Sportwissenschaft auf dem Mainzer Campus, wo um 19:30 Uhr der 1. Vorsitzende Tomasz Horyd die Gäste im Hörsaal und den Filmjournalisten Günther Wagner begrüßen durfte, der die Filmvorführung moderierte und vorab einige wichtige historische Eckdaten der Danziger Geschichte des 20. Jahrhunderts für das Publikum referierte. Der 45minütige Film Klamts ist ein Meisterwerk, in dem der preisgekrönte Regisseur verschiedene Zeitzeugen deutscher, kaschubischer und polnischer Herkunft zu Wort kommen lässt. Neben schönen wie aufwühlenden Bildern steht die erlebte Geschichte in Form von Erinnerungen beeindruckender Persönlichkeiten im Vordergrund.Unter anderem sprechen Lech Wałęsa, Stefan Chwin, Paweł Huelle, Günter Grass und weitere Zeitzeugen über die dramatischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte in ihrer Heimatstadt. Neben den beiden Weltkriegen spielt hier natürlich der Streik auf der Leninwerft eine herausragende Rolle.

Im Anschluss an die Filmpräsentation anlässlich des 30. Jahrestages der Gründung der Solidarność fand eine rege Diskussion statt, bei der Andrzej Klamt viele Fragen aus dem Podium über die Machart seines Films beantwortete und auch ein wenig aus Nähkästchen plauderte, was die Entstehung des Films und die Gespräche mit den mitunter sehr prominenten Zeitzeugen und die Intention seines Werkes betraf.

Im Vorfeld fand, sozusagen als thematisches Warm-up, eine dialogisch inszenierte Lesung aus Donald Tusks Rede anlässlich der Verleihung des Karlspreises durch die angehenden Theaterwissenschaftler Erik Eisenhauer und Nils Naggatz statt.

Der polnische Premier Tusk, selbst gebürtige Danziger, beschreibt in seiner Rede seine Kindheitserinnerungen an seine Heimatstadt und die brodelnde Atmosphäre während des Streiks 1970 und der Solidarność-Bewegung. Die Rede ist im aktuellen Dialog nachzulesen. Die DPG Mainz-Wiesbaden e.V. dankt für die Unterstützung durch das Institut für Sportwissenschaft.



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